Meine Geschichten

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Hast Du es bemerkt?  Mein Coaching ist eine ernsthafte Sache !

Ich gebe nicht auf, bevor ich ein Problem geknackt habe. Und dann haben wir ja auch noch unseren gemeinsamen Zeitplan vor Augen, das kann anstrengend sein!

Im folgenden findet Du nun etwas zur Entspannung. Seit Generationen wird es genutzt für Erklärungen und zur Selbsthilfe :

Märchen, Gleichnisse, Metaphern, Weisheiten und Sagen.

Also, möchtest Du in eine Parallelwelt abtauchen, Geschichten fürs Herz lesen? Dann schau hier rein. Die Erlebnisse, die mir selbst als eine Art Lebensweisheit daherkommen, versuche ich in erzählten Bildern wiederzugeben.

Ich hoffe, Du kannst einen kleinen Zauber spüren – und damit meine ich nicht nur meine kleinen Leser.

Geschichten aus dem Engel-Dorf

Engel, …    was sind Engel? Auf jedem Kontinent, in jeder Religion, in jeder Sprache kennt man sie. Sind Engel eine Erfindung der Priester, um uns Menschen zu beruhigen, uns die Angst zu nehmen? Sind sie eine Kreation der Künstler, der Steinmetze, Maler und Musiker um ihre Werke zu füllen und besser zur Geltung zu bringen? Oder werden Engel nur zur Hilfe genommen, wenn sich die Menschen sogenannte Wunder mit ihrem Wissen und ihren technischen Untersuchungen nicht erklären können?

Was auch immer sie sind: Menschen in der ganzen Welt lieben sie! Denn sie sind bei uns, wann immer wir sie brauchen! Dabei beeinflussen sie uns nicht! Sie lassen uns unseren eigenen Willen. Ganz gleich welcher Art unsere Wünsche sind, Engel sorgen ohne zu urteilen dafür, dass sie in Erfüllung gehen.Und das liegt daran, dass sie um die Herrlichkeit, das Feuer, die Fähigkeiten und das Gute in uns wissen.  Sie glauben an uns!

Vor Jahren habe ich nun erfahren, dass es in einem Land in den Bergen ein Dorf gibt, in dem kleine Engel mit ihren Familien wohnen, gerade so, wie wir Menschen.

Da ich glücklicherweise dieses Dorf und seine Bewohner recht gut kenne, kann ich Euch einige Geschichten erzählen, die sich genauso in dem kleinen Engeldorf ereignet haben.

Unsere – denn beim Lesen werden sie auch zu Euren – Geschichten haben nichts verzaubertes oder unheimliches. Sie zeigen Euch vielmehr, wie ihr eure eigene Welt, euer eigenes Herz und eure kleinen Seelen kennenlernen könnt. Denn für jedes Menschenkind ist es sehr wichtig, zuerst sich selbst wahrzunehmen, sich dann zu mögen und dann das Leben um sich herum zu lieben.

Das Dorf der kleinen Engel

Kennt ihr Dörfer? So richtig alte, tief im Land gelegene, manchmal nicht zu findende Dörfer?

Meint ihr nicht auch, sie sehen sich alle ähnlich, ein wenig verträumt, gemütlich, so als ob Zeit keine Rolle spielen würde? Und in einem solchen Dorf leben unsere kleinen Engel.

Das Engel-Dorf liegt an einen Hang gekuschelt, inmitten eines weiten Tals. In der offenen Talseite kann man jeden Morgen den Sonnnenaufgang beobachten und über dem höchsten Berg hinter dem Dorf geht die Sonne abends wieder unter, und das meist in einem herrlichen Dunkelrot – aber …, das wär jetzt schon eine eigene Geschichte.

Also, wo war ich?

Die Häuser der Engelchen stehen dicht beieinander, so als ob sie Schutz beim Nachbarn suchen. Sie sind fast in einem Kreis angeordnet, genauso wie die wunderschönen alten Eichen, in deren Schatten mitunter eine Holzbank zu entdecken ist. Mittendrin auf einem mit dickem Kopfsteinpflaster überzogenem Marktplatz steht ein Brunnen, der lustig Wasser vor sich hinspuckt.

Gerade jetzt erst fällt mir auf, dass es in dem Dorf überhaupt keine Kirche gibt. Wahrscheinlich brauchen die Engel kein Gebäude und keinen Altar mit vielen Kerzen um bei Gott, Buddha, Allah oder Krishna zu sein, denn sie wissen, er ist immer bei ihnen. Auch ohne Weihrauch und Kerzenlicht können sie jederzeit mit ihm reden.

Nun ja, einen großen Turm, der von weitem schon sichtbar ist, gibt es trotzdem. In ihm hängt eine dicke bronzene Glocke mit einem wunderbaren tiefen Klang.

Unweit des Dorfes, zwischen üppigen Blumenwiesen und lichten hochgewachsenen Birken schlängelt sich ein kleiner Fluss, so langsam und leise, dass er in der Nacht niemanden aus dem Dorf wecken würde.

Im Dorf selbst gibt es natürlich einen Laden mit allem, was so Engelfamilien für ihren Alltag brauchen, und eine Schule, gerade so groß, dass alle kleinen Engel hineinpassen.

Der wichtigste Platz für die kleinen Engel ist eine große saftige Wiese gleich zwischen Dorf und Fluss. Eigentlich wird dieses grüne Fleckchen von allerlei Insekten, Faltern und Vögeln bevölkert. Doch wenn sich die kleine Engelschar mit ihrem lauten Geschnatter und Gelächter ankündigt, machen alle Tiere bereitwillig Platz. Denn auch sie beobachten – wie wir gleich – zu gerne die Engelchen.

Der goldene Ball – Zuversicht

Hatte ich schon erwähnt, dass die Engelchen wie jedes Menschenkind gerne Fussball spielen?

Beinahe jeden Tag treffen sie sich nach der Schule, sobald sie ihre Hausaufgaben gemacht haben, am Brunnen in der Mitte des Dorfes. Gemeinsam laufen sie dann auf die große Wiese um mit ihrem goldenen Ball – kleine Engel spielen nur mit goldfarbenen Bällen – Fußball zu spielen. Die besonders guten Fänger und Hinschmeißer werden zu den Torwarten gewählt. Alle anderen teilen sich in die Mannschaften auf. Dabei ist es den Engelchen überhaupt nicht wichtig, wie viele nun jeder Mannschaft angehören. Einen oder gar drei Schiedsrichter gibt es auch nicht, denn irgendwie einigen sich die Engelchen immer. Bis auf das eine Mal …., aber

was wollte ich erzählen?

Ah ja, an diesem Tag gab es große Unruhe, und zwar schon am Brunnen: der goldene Ball war nicht zu finden. Hatten sie ihn auf der Wiese liegen lassen ? Undenkbar. Hatte ihn jemand mitgenommen? Niemand konnte sich erinnern. Ein lautes Gejammere setzte ein: „Oh nein, wenn der Ball verschwunden bleibt? Womit spielen wir dann? Wo kann er nur sein? Nie wieder bekommen wir einen so schönen Ball.“ Eine große Traurigkeit legte sich über die fröhliche Schar der Engel.

Da tauchte zwischen zwei Häusern auf der Seite des Sonnenaufgangs der große alte Engel, in seinem langen weißen Gewand und mit seinem langen weißen Bart auf. Er war der älteste der erwachsenen Engel und hatte die längsten und breitesten Flügel, die die kleinen Engel je gesehen hatten. Langsam ging er auf den Brunnen zu. Und wie er näher kam, machten die kleinen Engel eine Gasse und ließen ihn in ihre Mitte.

Was trug er da in seinen Händen? Ihren goldenen Ball. „Was seid ihr denn so traurig? Habt ihr etwa vergessen, wer gestern euern Ball mit nach Hause nahm? Der kleinste von euch war es und heute ist er krank geworden und bat mich, euch den Ball zu bringen.“

Erleichtert lächelten die Engelchen den großen alten Engel an. Doch dieser fuhr mit ernster Stimme fort: „Ihr solltet nicht so schnell aufgeben, wenn sich unvorhergesehene Dinge ereignen. Ihr seid doch allesamt ziemlich klug, ihr könnt denken und auch miteinander reden. Nicht lange und ihr hättet selbst herausgefunden, wo euer Ball sein kann.“ Die Engelchen schauten sich an und nickten.

Er hatte Recht, nichts wirklich Schlimmes war passiert. Sie hatten nur vor Schreck vergessen, in Ruhe nachzudenken. Zufrieden lächelnd reichte der große alte Engel den goldenen Ball herunter und verschwand mit langen schwingenden Schritten. Kaum wollten die Engelchen losstürmen, öffneten sich nach und nach die Türen in den Häusern rund um den Platz, auf dem der Brunnen stand. Und ein Engelchen nach dem anderen wurde gerufen um nach Hause zu kommen.

Sie hatten es nicht bemerkt, es war spät geworden. Sie mussten noch essen und dann schon schlafen, denn der neue Tag wurde sicher mindestens so aufregend wie der heutige.

Der kleine einsame Bär – Mutterliebe

Am nächsten Tag schien die Sonne in voller Pracht vom veilchenblauen Himmel. Eine angenehme frühlingshafte Wärme hatte sich über das Tal gelegt und jeder, der genau hinhörte, wusste, dass die Engelchen auf der Wiese spielten. Nach einer langen Winterruhe begann das Gras gerade langsam zu wachsen. So hatten die kleinen Engel kein Problem auf der Wiese zu laufen und ihren wunderbar glänzenden goldenen Ball einander zu zu rollen.

Auf einmal hielt einer der kleinen Engel inne: „Habt ihr das auch gehört?“ Die anderen Engel wussten nicht, was er meinte. „Na, das hohe Schreien, fast wie ein kleines Menschenkind. Richtig ängstlich hat es sich angehört!“ Alle liefen sie in die Richtung, aus der nun das Rufen kam.

Sie mussten nicht lange suchen. Unter einem großen Baum, so als ob er ihn hat hinaufklettern wollen und dann doch aufgeben müssen, fanden sie einen kleinen Braunbären. Ganz flauschig war er noch, so jung und zitterte am ganzen Körper. Zu gerne hätten ihn die Engelchen hoch-genommen, doch dafür waren sie selber noch zu klein. Und ehrlich gesagt, der kleine Bär hatte schon ein gutes Gewicht.

Nachdenklich sahen sie sich an. Dem Braunen musste geholfen werden, das war keine Frage, aber wie. Was fehlte ihm? Hatte er Hunger? Sollten sie ihm auf den Baum helfen? Oder – und da waren sich alle Engelchen nach einer Weile sicher: suchte der kleine Bär seine Familie? Ach wären jetzt doch nur ihre Mütter in der Nähe gewesen, die hätten bestimmt gewusst, was zu tun ist. Mütter wussten fast immer, was gut war oder was fehlte.

„Wir nehmen ihn erst einmal mit in unser Dorf. Dort geben wir ihm zu fressen und dann sehen wir weiter.“, so der Vorschlag des größten Engelchens. Sie hatten kaum den Wald verlassen, indem sie den kleinen Bären teils lockten, teils vor sich her schubsten, da tauchte vor ihnen auf der Wiese der große alte Engel auf. Schon von weitem konnten alle seine riesigen leuchtenden Flügel sehen. Die Engelchen atmeten erleichtert auf, denn sie ahnten schon: jetzt war Hilfe nah.

„Daher kamen also die verängstigten Rufe. Ich hatte schon Sorge, einem von Euch sei etwas zugestoßen.“ Manchmal war er doch so etwas wie ein Mutterersatz. Der große Engel nahm vorsichtig seinen langen Bart zur Seite, hockte sich ins Gras und begann den Bären im Nacken zu kraulen. „Wisst ihr? Wenn seine Mutter noch in der Nähe ist, dann wird sie den Kleinen suchen und an seiner Stimme erkennen. Ihr könnt ihm etwas Milch, Kräuter und Pilze bringen. Aber nehmt ihn nicht fort aus dem Wald.“ „Bist du sicher, dass ihn seine Mutter finden wird?“, fragten die Engelchen ängstlich. „Ganz sicher“, nickte der große Engel, „denn jede Mutter, egal ob Tier, Engel oder Mensch, wird nicht eher ruhen, bis dass sie ihr Kind wieder bei sich hat und sich davon überzeugen kann, dass es gesund ist. Oder würden euch eure Mütter  in der weiten unbekannten Welt allein lassen?“ „Niemals!“, schrien alle Engel wie aus einem Mund.

Und noch bevor die Sonne über dem höchsten Berg unterging, tauchte mit kräftigen knarzenden Schritten Mutterbär auf. Völlig übermütig trollte der Kleine auf sie zu, balgte sich ein wenig mit ihr im Gras und trottete dann sichtbar glücklich hinter ihr her, in den dichten Wald hinein. Ihr könnt euch vorstellen, wie glücklich und zufrieden die kleinen Engelchen an diesem Abend in ihren Betten und lagen. Den Müttern, die sich wie fast jeden Abend auf ihre Bettkante setzten, erzählten die kleinen Engelchen jede Einzelheit ihrer Begegnung mit dem wilden Waldbewohner, ließen sich von ihren Müttern ausgiebig loben und drücken und schliefen schon nach kurzer Zeit ein.

Eine Zugfahrt – Geduld

Was waren die kleinen Engel an diesem Morgen aufgeregt: Heute fand ihr jährlicher Schulausflug statt. „Nicht so schnell!“ mahnten dauernd die Engelmütter: „sonst vergesst ihr noch etwas!“ Einen Rucksack mit Keksen, Holundersaft und Regencape auf dem Rücken und in der Hand einen langen Ast als Stockersatz stapften sie noch etwas müde aber fröhlich aus ihrem Dorf hinaus durch den angrenzenden Wald. Sie mussten bis zum nächsten Dorf laufen, denn dort wartete geduldig eine schwarze, eiserne, schnaufende Dampflok auf sie.

Kaum sah sie die Engel aus dem Wald auf sich zukommen, pfiff sie ihren heißen Dampf durch die Pfeife, das Signal zum Einsteigen und Türen schließen. „Aber wir haben sie uns doch noch gar nicht ansehen können?“, beschwerten sich die Engelchen. „Dazu wird es noch genügend Gelegenheit geben. Habt Geduld! Vorfreude kann sehr schön sein!“ Wer war das wohl, der bei all dieser Aufregung so ruhig sein konnte? Genau, der große alte Engel. Er begleitete die Engelklasse bei ihrem Ausflug. Denn wegen seiner Größe hatte er einen hervorragenden Überblick über die quirlige Schar. Und unter uns: Er hatte an diesem Tag keine anderen Verpflichtungen.

In einem eigens für sie reservierten Abteil nahmen die Engel Platz und staunten nicht schlecht: Hier gab es noch hölzerne, geschwungene Sitzbänke. Sehr merkwürdige Emailleschilder auf denen zu lesen war: „Aus Gesundheitsgründen nicht in den Wagen spucken!“ Na, wer macht denn so etwas? Doch doch, in Zeiten, in denen die Menschen mehr Brot als Obst und Gemüse aßen, taten sie das sehr oft, aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Engelwaggon. Ganz langsam fuhr die Lok an. Ihr Schnauben und Stöhnen ließ keinen Zweifel daran, dass sie schwer zu ziehen hatte. Aber wartete man eine Weile, so erreichte sie schon bald eine passable Geschwindigkeit. So, dass sie mit viel Ausdauer auch kleine Berge überwinden konnte. Die Fenster ließen sich nur über ein Lederband, das aussah wie ein Gürtel, öffnen. Und schon probierten die kleinen Engel den Mechanismus aus. „Steckt jetzt bloß nicht eure Köpfe hinaus, hier stehen die Bäume dicht an den Schienen!“, meldete sich der Engel mit dem langen weißen Bart. Er selbst hatte doch einige Mühe seine großen langen Flügel unterzubringen, die Holzbänke waren recht unbequem. Und gefedert waren diese alten Zugwagen auch nicht gut. Aber „Gelassenheit“ war ja sein zweiter Vorname.

Schon ging es in den ersten Tunnel, angekündigt durch einen langen Pfiff vorne von der Lok. Es wurde dunkel. Neben den geöffneten Fenstern erschraken die Engelchen bei den lauten Schienengeräuschen. Klackklack, klackklack. „Wann endet der Tunnel?“ „Nur die Ruhe, habt Geduld!“, beruhigte der alte Engel die aufgeregte Schar.

Und was war das? Es roch verbrannt, nach Kohle, es kribbelte in Nase und Hals. Ah, die Dampflok machte ihrem Namen alle Ehre. Der Dampf, der keinen Weg aus dem Tunnel fand, kroch nun durch die Fenster in die Abteile. Mit vereinten Kräften schlossen die Engelchen schnell die Fenster.

Beim nächsten Halt hatten die Engelchen genügend Zeit sich Lok und Führerstand genau anzusehen. Und der große alte Engel erklärte mit sichtbarer Freude wie ein Dampfkessel funktioniert. „Im zweiten Wagen des Zuges befindet sich die Kohle, die zur Befeuerung des Kessels gebraucht wird. In dem Kessel wird Wasser gekocht und so entsteht der Dampf, der dann über viele Regler, Ventile, Zylinder und Kolben die Stangen und Räder antreibt.“ Langsam ging er mit ihnen den Weg des Wasserdampfes ab: vom Kessel durch die Leitungen, die kleinen Verzweigungen, in feinste Röhrchen bis hin zum Schwungrad und dem riesigen Eisenrad, das auf diese Weise angetrieben wurde.

Fasziniert hörten die Engelchen zu. Gerne hätten sie gefragt, woher der große Engel das alles wusste, doch sie hatten den Verdacht, dass er dann überhaupt nicht mehr aufhören würde zu erzählen. Und, sie wollten doch das Wendemanöver der Lok auf keinen Fall verpassen. Denn für die Rückfahrt wurde die Lok abgekuppelt, fuhr alleine eine große Schleife und tauchte in anderer Fahrtrichtung wieder auf um nun die Waggons nicht zu ziehen, sondern zu schieben.

„Ja schaut, jetzt bleiben die dicken weißen Dampfwolken hinter uns!“, riefen belustigt die kleinen Engel. Nun aber schnell, die Rückfahrt ist noch lang. Zum Glück waren die Rucksäcke gut gefüllt mit vielen Leckereien, die natürlich mit allen Engelchen geteilt wurden.

Als die Engelchen am Abend ihr Dorf erreichten, waren sie so müde von den vielen Eindrücken, dass sie sich freuten, direkt in ihre Betten gehen zu können

Der Kräutergarten – Zufriedenheit

Die Engelchen waren gerade lachend und laut erzählend auf dem Weg zur großen bunten Wiese um mit ihrem goldenen Ball zu spielen, da beobachteten sie, wie der kleinste von ihnen aufgeregt zwischen Haus und Garten hin- und herlief.

Kennt ihr schon den kleinsten der Engel? Nicht? Dann wird es Zeit, dass ich ihn Euch vorstelle und es wird auch Zeit, dass Ihr die Engelchen beim Namen nennen könnt. Denn auch Engel haben Namen. Und ihre Namen stehen ihnen immer sehr gut. Da gibt es keinen großen stattlichen Engel, der Florens heißt oder eine zierliche schüchterne Dame mit Namen Paula.

Wo war ich? Ach ja, bei Philipp, so hieß der kleinste der Engelchen. Aber unter uns: gerufen wurde er von allen Bewohnern des Dorfes immer nur Flips. Und das passte zu ihm. Er war nicht nur recht kurz, nein er war auch ziemlich dünn, was aber daran lag, dass er ständig wie ein Wiesel herumlief. Nicht einmal bei wichtigen Feiern hat ihn irgendjemand lange sitzen sehen. Nun lief er also grade ständig aus dem Haus in den an jedes Haus angrenzenden Garten.

„Hey Flips, was gibt es? Sammelst du Schnecken für euern Salat?“, alberten die vorbeikommenden Engelchen rum. „Ach ihr schon wieder. Ich helfe meiner Mutter!“ rief der kleine Flips leicht beleidigt, „das ist nicht so einfach. Oder wisst ihr, was hier Gemüse und was Unkraut ist?“ Und schon rannte er wieder ins Haus mit einem grünen Büschel in der kleinen Hand. Die Engelchen sahen sich an: „Das hört sich spannend an!“ „Ja, hier gibt’s was zu lernen.“ „Lasst uns Flips zur Hand gehen, ok?“

Und schon liefen sie alle in den mit fein geschnittenem Buchsbaum eingefassten Garten. Ihren goldenen Ball legten sie vorsichtig auf einem Holzstuhl ab. Im gleichen Moment tauchte Flips wieder auf: „Oh, wollt ihr tatsächlich mitmachen?“ Stolz warf er seinen kleinen Kopf mit den goldenen Locken in den Nacken und erklärte im gebieterischen Ton: „Alles Grün, das weder am Anfang noch am Ende wie Zucchini, Möhre, Melone, Radieschen oder Salat aussieht, reißt ihr aus!“ Und schon rupften die Engelchen, was das Zeug hielt.

„Sorry, das sollten wohl Bohnen werden?“ „Nicht tragisch, sind ja noch genug dort am Zaun.“, tröstete Flips gnädig seinen Freund. „Wenn ihr mich sucht, ich bin dort hinten in der Ecke und pflücke Kräuter für Mutters Salat-Soße.“ „Warum pflanzt ihr alles selber an, wo wir doch einen so großen Laden im Dorf haben? Und die Dinge, die der Laden nicht hat, können sehr schnell bestellt werden.“, die Engelchen staunten und verstanden es überhaupt nicht, wie sich Flips und seine Familie so viel Arbeit machen konnten.

Überrascht schaute Flips auf. Er war so auf seine Aufgabe konzentriert, dass er sich bisher über eine solch grundlegende Frage überhaupt noch keine Gedanken gemacht hatte. Nach einer Antwort suchend sah er plötzlich einen großen Schatten aus dem Haus treten.

Was machte denn der große alte Engel bei seiner Mutter? Sie hatte doch grade heute keine Zeit für Besuch. „Flips, das soll ich dir von deiner Mutter geben. Damit du die Petersilie, den Kerbel, den Schnittlauch, den Borretsch und den Liebstöckl für eure Soße auch findest. Vielleicht glaubt sie, du verwechselst diese wunderbaren Frühlingskräuter mit Salbei, Lavendel, Lorbeer und Rosmarin?“, verschmitzt schaute der Engel hinter seinem langen weißen Bart in die Engelrunde und gab Flips einen dicken Bildband über Kräuter.

„Na, was schaut ihr denn so nachdenklich?“, neckte er weiter: „Wisst ihr denn nicht, wie zufrieden es uns Engel wie auch die Menschen macht, wenn wir von eigenen Früchten essen können?“ „Aber wie das denn, es dauert doch ewig und Mühe macht es außerdem?“ „Sicher ist die Saat und Pflege etwas aufwendig, aber umso besser schmecken Obst, Gemüse und Kräuter nachher. Denn es sitzen dann mit am Tisch: der Stolz, die Zufriedenheit, Dankbarkeit und die ganze Liebe, die in der Aufzucht und Ernte stecken.“

Neugierig, ob dass die Engelchen verstehen konnten, sah der alte Engel um sich. Konnte er da plötzlich eine gewisse Ehrfurcht im Umgang mit dem Grün erkennen? Betrachteten die Engelchen ihre gepflückten Blätter aufmerksamer als bisher? „Ja, klar, deshalb schmecken auch die Äpfel und Himbeeren aus dem Garten am Ende des Dorfes immer am besten!“, laut lachend liefen die Engelchen nach Hause.

Kopfschüttelnd dachte der große alte Engel: “Immerhin, die Saat ist gelegt, in die kleinen Köpfe.“ Und ihr könnt sicher sein: Nach diesem anstrengenden Nachmittag und der Frage „was ist Unkraut und was nicht“ schliefen die Engelchen besonders gut. Was allerdings aus der Saat in den kleinen Engelköpfen werden wird, ja das ist eine andere Geschichte.

Das unsichtbare Loch – Vertrauen

Am heutigen Nachmittag planten die Engelchen, eine ausgiebige Wanderung rund um das Dorf. Die Idee kam ihnen, als sie am Morgen in der Schule von einem Survival-Training gehört hatten. Solche Urlaube machten wohl Menschen, wenn sie an ihrem Vertrauen zu sich selber arbeiten wollten. So mancher Schutzengel ist bei derartigen Unternehmungen schon gehörig ins Schwitzen gekommen. Denn ihr wisst ja, die Engel, die immer eure Wege ebnen, sie halten euch nicht von neuen Erfahrungen ab.

Was wollt ich erzählen? Ach ja: die Engelchen machten sich also auf den Weg, ein großes Abenteuer zu erleben oder zu mindestens eine Handvoll kleiner. Der größte unserer kleinen Engel mit Namen Alex ging voran und wollte, wie er das übrigens immer versucht, die Richtung vorgeben. „Woher willst du wissen, dass wir dort auf spannende Dinge stoßen?“, knötterten einige Engelchen rum. „Vertraut mir, ich habe für so etwas eine Nase!“, sagte Alex ohne sich auch nur umzudrehen.

Die kleinen Häuser ihres Dorfes waren schon bald nicht mehr zu sehen, der Waldweg wurde immer schmaler und die Umgebung immer düsterer. Also unter uns: die Engelchen wollten abenteuerliche Dinge erleben, aber dabei keine Angst bekommen. „Kommt schon, oder habt ihr kein Zutrauen zu euch.“ Alex hatte das Zögern von einigen wohl bemerkt. „Doch schon, aber bei der Dunkelheit können wir unserem Orientierungssinn nicht mehr trauen.“, versuchten zwei ihre Bedenken zu erklären. Trotzdem liefen sie tapfer geschlossen, teilweise sich an den Händen haltend, weiter.

Wie die großen Engel, die den Menschen die Lebenswege hell erleuchteten, gaben auch die kleinen Engelchen schon ein schwaches Licht von sich. Es strahlte aus ihnen heraus, umhüllte sie und legte ihre ganze Umgebung in ein wunderschönes milchiges, gelbes Licht. Auch wenn ihr nicht dicht bei ihnen standet, so hattet ihr doch das Gefühl von wohliger Wärme. Allerdings, um den vor ihnen liegenden Weg auszuleuchten, war das Licht denn doch noch zu schwach.

Wo war ich? Ach ja: das Survival-Training.

Kaum, dass die Engelchen den dichten Wald verlassen hatten und auf eine herrlich blühende Wiese traten, hörten sie ein lautes Krachen und im gleichen Moment einen lauten Schrei. „Peule, was ist passiert?“ Peule war das, hm wie sag ich’s nur, das vorsichtigste, umsichtigste und manchmal auch das vernünftigste Engelchen. Sein Lieblingsspruch lautete: “Angst hat immer ihr gutes, sie bewahrt dich vor Dummheiten, lässt dich aufpassen und nachdenken.“

Was war passiert? Alle Engelchen liefen zusammen und standen nun im Kreis. Peule war in ein tiefes Loch gefallen. Keiner von ihnen hatte es sehen können, es war wohl mit Zweigen bedeckt. Herzklopfend standen alle am Rand, keiner achtete mehr auf das Vogelzwitschern oder auf die Eichhörnchen, die von Baum zu Baum hüpften. Sie hatten gerade beschlossen, dass zwei von ihnen ins Dorf laufen sollten, da stand ohne Ankündigung der große, alte Engel bei ihnen.

„Ihr habt mich gerufen?“ „Äh, nein.“, vollkommen verwirrt sahen ihn die Engelchen an, „oder doch, wahrscheinlich im Stillen, jeder für sich. „Wir brauchen Hilfe. Peule sitzt in dem Loch und wir kommen nicht an ihn heran!“ „Ich freue mich, dass ihr an mich gedacht habt und auch dass ihr so ruhig geblieben seid. Da wollen wir mal sehen, wie wir Peule befreien.“

Der große weiße Engel nahm vorsichtig seinen Bart zur Seite und kniete sich an den Rand des Lochs. Hätte er sich auf seinen Bart gekniet, er wäre womöglich selbst im Loch gelandet. Mit einer Hand hielt er sich an einer Wurzel über dem Waldboden fest und mit der anderen ließ er einen seiner langen leuchtenden Flügel in das Loch hinab. „Halt dich gut fest. Ich werde dich herauf ziehen!“ Das kann ich nicht, ich bin zu schwer!“ rief ängstlich der kleine Engel. „Gib dir Mühe, du schaffst das, glaub an deine Kräfte!“, der alte Engel machte ihm Mut, lehnte sich ganz langsam nach hinten und zum Vorschein kam der vollkommen mit Erde befleckte Peule:

„Danke, danke, ich wusste, du bist in der Nähe und lässt uns nicht allein“, er atmete sichtbar auf. „Aber etwas schneller hätt‘s doch gehen können, dort unten war’s ziemlich kalt und die Regenwürmer bekamen auch schon Interesse an mir!“

Alle lachten und waren doch froh, dass sie ihren vorsichtigen Peule wieder oben hatten.

Kurz bevor die Engelchen ihre Häuser erreichten und in ihre Betten fielen, fasste Alex ihre Abenteuerwanderung selbstsicher wie er nun mal war, zusammen: „Was hab ich gesagt? Wenn wir alle zusammenhalten und jeder einzelne dabei seinen Fähigkeiten vertraut, wird immer alles gut!“

Der Zirkusbesuch – Freude

Der Herbst hielt langsam Einzug in das Tal des Engeldorfes. Die Laubwälder an den Ausläufern der Berge färbten sich dunkelrot, orange und gelb. Die Natur gab ein Feuerwerk in Zeitlupe für die Augen des aufmerksamen Zuschauers. Die Tage wurden schon kürzer und die Tiere bereiteten sich auf einen kalten Winter vor. Und die Engelchen zogen für ihr Ballspiel auf der Wiese schon einen Wollpullover über ihre kleinen Flügel.

Doch heute fiel ihr Fussballspiel aus. Die Engelchen waren so aufgeregt. Ein Zirkus hatte haltgemacht im Tal, sein riesiges Zelt aufgebaut und für heute Nachmittag zu einer Vorstellung eingeladen.

Gleich nachdem die Engelchen ihre Hausaufgaben gemacht hatten, trafen sie sich am Brunnen und gingen gemeinsam Richtung Taleingang. Schon von weiten konnten sie das glänzende rot-weiß gestreifte Zeltdach erkennen. Kamen sie näher, rochen sie das ausgestreute Heu, das einen Weg in das Zelt hinein zeichnete. Sie hörten unterschiedlichste, teils exotische Tiergeräusche. In der Luft lag eine Duftmischung aus Pferden und gebrannten Mandeln.

Die Engelchen vergaßen vor Aufregung und Freude weiterzugehen. Keiner sagte einen Ton, alle standen nur staunend da. Eine perfekte Kinderwelt, in der ein aus dem Zelt auftauchender Clown mit einer Trompete vor dem Mund das – wie sagen die großen Engel immer? – „das Tüpfelchen auf dem i“ war. Dieser Clown begleitete nun unsere Engelchen zu ihren Holzstühlen. Die Vorstellung konnte beginnen.

Der rote Vorhang auf der anderen Seite des Zeltes erhob sich und eine Handvoll kleiner Affen eroberte in Windeseile die mit feinem Sand ausgestreute Manege. Unter kurzen Zurufen ihres Dompteurs schlugen sie Purzelbaum, spielten untereinander Bockspringen, kletterten unglaublich sicher übereinander, bis dass sie eine Pyramide aufgebaut hatten und juchzten bei all dem, dass die Ohren der kleinen Engel klirrten. Der Beobachter hätte nicht sagen können, wer mehr Spass an dem Treiben hatte, die Äffchen oder die Engelchen.

Kaum waren die Äffchen verschwunden trottete ein hoher, wirklich sehr hoher gutmütiger Elefant durch das Rund. Kunststücke konnte er noch keine, dafür war er noch nicht lange genug beim Zirkus. Ein Zoo hatte ihn aus Platzmangel abgeben müssen. Und so war er bei den tierlieben Zirkusleuten und ihrem lustigen, abwechslungsreichen Leben besser versorgt als vollkommen alleine, ohne Herdenanschluss in der afrikanischen Savanne.

Was wollte ich erzählen? Ah ja: Die Engel sprangen vor Begeisterung auf ihren Klappstühlen auf und ab, als der Elefant nun langsam an ihnen vorbeischritt und jedem von ihnen seinen Rüssel reichte. War der dick und rau. Aber ihr glaubt es kaum, mit der Rüsselspitze konnte er ganz vorsichtig die Hände der Engelchen greifen.

Danach sprangen drei junge Männer herein. Sie trugen enge rote Anzüge. Auf Wippen und haushohen Leitern zeigten sie fantastische Kunststücke. Lachend klatschen die Engel in die Hände. Doch was war das? Gehörte das Wackeln der Leiter zur Darbietung? Wollten die Artisten Spannung erzeugen? Oh nein, der jüngste der Jungs kippte von der hohen Leiter, wedelte mit Armen und Beinen und fiel Richtung Sandboden.

Träumten die Engel oder hatten sie nicht genau hingeschaut? Kurz vor dem Boden wurde der Fall des jungen Artisten abgebremst. Er landete wie schwebend auf dem Manegen-Boden. Nichts war ihm geschehen. Von den anderen fragend in den Arm genommen verließen alle drei das Zelt.

Anerkennend applaudierten die Engel und liefen freudestrahlend über den glücklichen Ausgang des Sturzes und in Begleitung lauter Zirkusmusik aus dem Zelt für eine kurze Pause. Ahnt ihr schon, wer sie zufrieden lächelnd am Zeltausgang erwartete? Der große alte Engel.

Was machte er denn hier in dieser Zirkuswelt und warum klopfte er sich immer wieder Sand aus seinem langen weißen Gewand? Na ja, keine Zeit für Erklärungen. Die Engelchen mussten nun unbedingt Zuckerwatte und Mandeln probieren bevor die Vorstellung weiterging.

Überglücklich und mit Unmengen an Konfetti in ihren goldenen Locken kehrten die Engelchen erst im Dunkeln zurück ins Dorf. Fröhlich hörten ihre Mütter auf dem Bettrand sitzend ihren Erzählungen zu. Und so manch ein Engelchen hatte das Gefühl, dass die Mutter wohl sehr genau wusste, warum der Artist so sanft gelandet war.

Das Labyrinth – Zuverlässigkeit

Für den heutigen Samstag hatten die Engelchen den Besuch eines herrlichen Waldstücks geplant. Es handelte sich um keinen „gewöhnlichen“ Wald, keinen vom Förster angelegten Wald, keinen Mischwald mit vielen Farnen und Bodendeckern. Es war eine große Fläche mit reinen Nadelbäumen. So hoch wie der Glockenturm, mindestens. Die Tannen standen dicht an dicht, unter ihnen wuchs nichts als Moos. Wäre es nicht schon Herbst gewesen und die Erde hätte nicht nachts die Kälte aufgenommen, die Engelchen hätten tatsächlich ihre Schuhe ausgezogen um den federnden Waldboden direkt unter ihren Füßen zu spüren. In diesem Wald roch es wunderbar nach allen möglichen Hölzern, Fichtenzapfen und Mulch.

Und, weshalb ihn die Engelchen mindestens einmal im Jahr besuchten: die Bäume standen wie in einem Labyrinth. Begab man sich in das Dunkel zwischen den Tannen und Fichten, dann musste man sehr genau aufpassen, in welche Richtung man lief um am Ausgangspunkt wieder anzukommen. Bisher hatte sich allerdings noch nie ein Engelchen verlaufen.

Was wollte ich eigentlich erzählen? Ah, die Geschichte von Hedi.

Die Engelchen trafen sich wie immer am Dorfbrunnen. Ihren Proviant hatten sie wohl überlegt auf verschiedene Engelchen aufgeteilt. Geplant war ein üppiges Picknick auf dem Moosboden im Wald. Eigentlich wollten sie schon längst aufgebrochen sein, doch ein Engel fehlte.

„Ohne Hedi können wir nicht los“, rief Odo, „sie hat doch die Sandwiches in ihrem Korb!“ In diesem Augenblick kam Hedi um die Ecke gelaufen: “Entschuldigt, aber ich hatte die Zeit aus den Augen verloren.“ Auf Verständnis hoffend schaute sie in die Runde. „Und dein Brotkorb, wo ist der?“ Odo rang etwas um Fassung. „Ach herrje, vergessen. Ich hol ihn flott. Lauft ruhig schon vor, ich hol euch ein.“ Hedi war immer noch guter Dinge.

Kurz bevor die Engelchen den dunklen Nadelwald betreten wollten, meinte Alex: “Wo steckt denn Hedi, sie wird sich doch wohl nicht verlaufen haben?“ Alle sahen sich um. Obwohl sie auf dem Weg gründlich getrödelt hatten, war von Hedi noch keine Spur. „Na gut, keine Panik. Ich geh ihr entgegen, sonst verpassen wir uns womöglich noch“, Alex nahm die Dinge mal wieder in die Hand.

Vergnügt überlegten die anderen, was sie denn in der Wartezeit anstellen konnten. „Hey, kennt ihr das Spiel schon?“ Flips, der Wirbelwind stellte sich in die Mitte der Engelchen und suchte sich einen Partner, „es heißt „wer vertraut wem?“ Mit seinem Freund Odo hinter sich, ließ sich Flips stocksteif nach hinten fallen. Odo, der das Spiel wohl auch noch nicht kannte, fing ihn im letzten Moment ein paar Zentimeter über dem Waldboden auf. „Seht ihr? Ganz einfach. Die nächsten beiden!“ Flips war von seiner Idee ganz angetan und die anderen Engelchen machten dann auch begeistert mit. Ein jeder suchte sich recht schnell den Freund, dem er zutraute, ihn zu halten. Dann wurde gewechselt. Das anfängliche mulmige Gefühl im Magen ließ in dem Moment nach, wo jedes Engelchen die Erfahrung machte, ich werde gehalten, mir passiert nichts.

„Hallo, was macht ihr da? Können wir mitspielen?“ Hedi und Alex tauchten auf der Wiese auf. „Das lassen wir besser!“ war Flips schnelle Antwort und alle anderen nickten zustimmend, „wir gehen jetzt lieber mal in den Wald, sonst wird es noch zu dunkel.“ „Ich fand sie hinten bei der Futterstelle für die Rehe“, flüsterte Alex im Vorbeigehen den anderen zu.

Im Wald suchte sich jedes Engelchen ein zweites, das am Waldeingang auf ihn warten und wenn nötig aus dem Wald führen sollte. Die ersten Engel liefen los, jedes in eine andere Richtung. „Wir gehen nicht zu tief hinein“, riefen sie sich noch zu, “so sind wir schnell zurück und ihr seid an der Reihe.“ Jedes Engelchen hatte seine Aufgabe – bis auf Hedi.

„Und, was ist mit mir?“ rief sie den zurückgebliebenen Engeln zu, „ich warte auch gerne, wer möchte noch ins Labyrinth?“ Alle schauten verlegen auf den Waldboden, als hätten sie vor, die Tannennadeln zu zählen. „Ich pass auf euch auf. Ich kann euch hinausführen!“ Ein letzter Versuch Hedis sich an dem Spiel zu beteiligen, misslang. Traurig setzte sie sich auf einen Baumstamm. Es dauerte nicht lange und Alex setzte sich zu ihr.

„Was ist nur los? Warum will keiner mein Partner sein?“ mit feuchten Augen hoffte sie auf eine Erklärung. „Ach Hedi, du weißt doch. Unser Labyrinthlauf braucht Sicherheit.“ „Ja ich weiß, ich kenn die Regeln“, unterbrach sie Alex. „Aber das allein genügt nicht, Hedi. Sicher fühlt sich nur, wer Zutrauen, wer Vertrauen hat.“ Alex sprach jetzt ganz leise.

„Und du meinst“, schluchzte Hedi, „zu mir hat keiner Vertrauen?“ Alex holte tief Luft: “Weißt du? Mit dem Vertrauen ist es so: das ist nicht einfach da. Das muss wachsen, das braucht seine Zeit. In kleinen Dingen, ja da ist jeder etwas nachsichtig. Da denkst auch du nicht lange nach, wem du welche Aufgabe überlässt. Aber in wichtigen Angelegenheiten, oder wie hier im Wald, wenn es gefährlich werden kann, da will jeder einen Freund an der Seite haben, dem er ohne Einschränkung ganz und gar vertrauen kann.“

Fragend schaute Alex Hedi an. Hatte sie durchschaut, auf was er hinaus wollte? „Ich verstehe“, Hedi richtete sich auf, „ich war bisher nicht die Zuverlässigkeit in Person, oder? Aber ich wird mich bessern, ok?“ Alex drückte ihre Hand, „das wäre prima. Und dann bist du im nächsten Jahr die erste, die ihren Partner aus dem Labyrinth führen darf!“

Alle Engelchen hatten mit Hilfe ihrer Lotsen den Weg aus dem Wald gefunden, so dass sie sich jetzt aufgeregt und fröhlich auf der Picknickdecke niederließen. Nur ein klein wenig wunderten sie sich über Alex und Hedi, die so sehr in ihr Gespräch versunken einträchtig auf einem Baumstamm saßen.

Der Wettlauf – Achtung

Der nächste Tag wurde von einer über dem Taleingang wunderbar orange strahlenden Sonne eröffnet. Auf den Wiesen lagen schon den Herbst ankündigend leichte milchige Nebelschleier. Wer genau hinsah, bemerkte wie sie sich ruhig auf und ab bewegten.

Die noch etwas verschlafenen Engelchen trafen sich wie jeden Morgen am Brunnen. Dort warteten sie, bis sie vollzählig waren um dann gemeinsam zur Schule zu laufen. Heute fand in der Schule ihr sogenannter Sozialtag statt. Da wurde viel geredet, Fragen gestellt und Antworten auf die Dinge des Lebens gesucht, was bedeutete, dass die Engelchen ihre Bücher und Hefte zuhause lassen durften. Als sie so am Brunnen warteten, schlug Alex – ihr wisst, der der gerne anführt – vor: „Wo wir heute keine Taschen dabei haben, lasst uns ein Wettrennen veranstalten! Wer zuerst an der Schule ist ….!“

Alle jubelten und waren einverstanden, bis auf einer: „Ja lauft ihr mal, aber ich mach da nicht mit.“ Verschämt drehte sich Odo zur Seite. „Ich schwitze dann gleich immer so entsetzlich.“, fügte er kleinlaut als Erklärung hinzu. „Na gut, wie du willst.“ Und schon rannten die anderen Engelchen mit lautem Getöse los und Odo blieb allein zurück.

Unter uns gesagt: Odo unterschied sich ein klein wenig von den anderen kleinen Dorfbewohnern. Er war nicht sonderlich groß, aber recht stämmig, ehrlich gesagt war er sogar ein wenig moppelig. Und das alles lag nun daran – ihr könnt es euch denken: er aß sehr gerne. Eigentlich aß er immer: weil er Hunger hatte, weil er traurig war, weil er fröhlich war, weil er allein war, weil er Langeweile hatte, er fand einfach immer einen Grund.

In der Schule angekommen nahm er als letzter Platz. Das Lachen der anderen Engelchen versuchte er zu überhören. Nun schaltete sich doch die Lehrerin ein: „Wieso verletzt ihr Odo? Er ist doch pünktlich?“

Die Lehrerin der Engelchen müsst ihr euch als ein feenartiges wunderschön leuchtendes Geschöpf vorstellen. Sie scheint unglaublich jung, aber ihr wisst ja, bei Engeln spielt das Alter keine Rolle. Ihre Stimme ist sehr sanft, gütig und verständnisvoll. So wie ihr ganzes Wesen. Sie hätte nie einen Schüler kritisiert, sie wusste ja alle kamen gerne zur Schule und gaben sich auch gehörig Mühe. Nein sie lobte immer nur die guten Seiten und wurde nicht müde zu wiederholen: “Jedes Wesen hat seine Bestimmung und die müssen wir gemeinsam herausfinden.! Ja, vielleicht war ihr Wesen der Grund, warum sie so besonders schön leuchtete.

Aber was wollte ich erzählen? Ach ja, Odo. Er saß ziemlich traurig an seinem Tisch und überlegte bereits, ob er vielleicht ausnahmsweise während des Unterrichts mal kurz in sein Brot beißen durfte, nur so als Tröstung. Da hörte er die Aufforderung der Lehrerin, jeder solle eine bestimmte Eigenschaft von Odo nennen, die er an ihm mehr schätze als alle anderen.

Da gab es kein langes Nachdenken. Einer nach dem anderen der Engelchen riefen in die Klasse: Ehrlich ist er, und treu, ja ein echter Freund, hilfsbereit, er hört immer zu, erzählt lustige Geschichten, hat die besten Brote der Welt (ein Lachen ging durch den Raum), zuverlässig ist er, manchmal auch richtig ordentlich für einen kleinen Engel, er singt wunderbar – wie, das wusstet ihr noch nicht?, liebenswert ….

„So, so“, meinte die Lehrerin, „wir haben hier also ein wahrhaft liebenswertes Engelchen und ihr macht euch lustig über seinen kugeligen Bauch? Vielleicht schützt ihn der Bauch vor irgendwas, vielleicht braucht er seine Brote, weil ihm etwas anderes fehlt? Habt ihr ihn das mal gefragt?“ Betreten sahen alle Engelchen zu Boden, bis dass Flips der Kleinste aufsprang und rief: „Ich werde ab morgen jeden Tag mit Odo einen Lauf um unseren Brunnen machen!“ „Ich werde jeden Tag meinen Apfel gegen sein Käsebrot tauschen.“ „ Und ich werde ihm zeigen, wie er auf Bäume kletter kann, bis er sich leicht wie ein Wiesel fühlt!“

Ein Vorschlag nach dem anderen erfüllte den Raum und bei Odo, der wegen so viel Aufmerksamkeit ganz verlegen geworden war, wurden die roten Ohren nur noch durch sein breites Lachen übertroffen.

Sichtlich zufrieden über ihre kleine Schar ging die Lehrerin an die Tafel und schrieb den Leitspruch des heutigen Sozialtages auf:

Kein Lebewesen ist nur das, was es scheint. Das Wahre liegt viel tiefer, als die Augen schauen können!

Auf ihrem Weg zurück zum Brunnen gab es dieses Mal kein Wettlauf. Ganz ruhig und nachdenklich schlurften die Engelchen Richtung Dorfplatz. In ihrer Mitte Odo, der sich noch nie so geborgen gefühlt hatte.

Die Turmbesteigung – Maßhalten

Die nächste Geschichte, die ich euch erzählen möchte, hatte sich an einem Spätsommernachmittag ereignet. Die Sonne schien ihre Kraft noch einmal zu sammeln, um die Erde in angenehme Wärme zu hüllen. Die Tiere schlummerten zufrieden unter Bäumen und Sträuchern. Vereinzelt konnte man einen Vogel, der sich schon auf seinen Abflug Richtung Süden freute, zwitschern hören. Jeder im Engeldorf ging in Ruhe seiner Beschäftigung nach. Doch, wo waren die kleinen Engel?

Ah dort, auf der Wiese. Sie tobten durch das Gras, einer von ihnen lehnte mit geschlossenen Augen an einem Baum und zählte langsam: „Eins, zwei, drei …“ Ihr kennt das, oder? Sie spielten Verstecken. Gerade war der kleinste Engel Flips dran, suchen zu müssen. Alle anderen rannten auseinander, in der Hoffnung ein möglichst gutes Versteck zu finden. Denn, gewonnen hatte immer der, der zuletzt gefunden wurde.

Das Engelchen, das sich egal in welcher Angelegenheit für das Schlaueste hielt, rannte Richtung Dorf. „Wir haben keine Grenzen für das Spiel gezogen“, dachte er sich vergnügt, „also kann ich mich doch wohl auch im Turm verstecken.“ Primo, so hieß dieses Engelchen, war sehr, sehr oft von der Genialität seiner Einfälle überzeugt. Keine Frage, er durchschaute die Dinge recht schnell, doch seine Schlussfolgerungen im gleichen Tempo, trafen dann nicht immer ins Schwarze – ihr wisst, was ich meine? Na, hört einfach weiter zu.

Er hatte Glück, die Holztür des Turms war nicht verschlossen. Vorsichtig lehnte Primo sie wieder an, er wollte Geräusche vermeiden, sonst wüsste doch jeder gleich, wo er steckte. Stolz nahm er Stufe für Stufe der steil aufragenden, stark windenden Treppe. „Hier würden ihn die anderen nicht so schnell finden, hier müssten sie ihm erst einmal folgen können“, freute sich Primo. Stufe für Stufe nahm er im schnellen Lauf. Kleine Engelchen kommen nicht so leicht aus der Puste.

Immer wieder schaute er aus den schmalen Fenstern, die zur Belüftung beim Bau in dem Turm ausgespart worden waren. Eine stattliche Höhe hatte er schon erreicht. Doch beim Aufstieg bemerkte er nicht, wie der Aufgang immer dunkler, steiler und enger wurde.

Dieser Turm, der alle Häuser des Engeldorfes bei weitem überragte, diente nur einem einzigen Zweck: Er beherbergte eine riesige bronzene Glocke. Und diese Glocke wurde mithilfe eines dicken Seils zum Klingen gebracht. Doch das Plateau, auf dem der Glöckner – der Engel, der als einziger die Glocke läuten durfte – bei seiner Arbeit stand, hatte Primo unbemerkt unter sich gelassen und nun stand er direkt unter der mächtig erscheinenden Glocke. Allein der Klöppel war aus dieser Distanz furchteinflößend.

Was konnte er tun? Weiter ging es für Primo auf keinen Fall. Warum auch? Spielten sie nicht nur Verstecken? War es denn überhaupt wichtig, so weit hinauf gekommen zu sein? All diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf, während er angestrengt überlegte, wie er unbeschadet den Rückweg antreten konnte. Da gab es keinen Platz, sich umzudrehen. Die Treppe rückwärts hinunterzugehen war zu gefährlich. Er konnte nichts sehen und wäre bestimmt nach den ersten Stufen in seinem Umhang hängen geblieben.

Schweiß trat ihm auf die Stirn. „So ein Quatsch, nicht nervös werden“, versuchte sich der kleine Engel zu beruhigen, “es gibt für alles eine Lösung.“ Vorsichtig – was eigentlich gar nicht seinem Wesen entsprach – tastete er sich zu dem Glockenseil, bekam es zu packen, drückte sich mutig von der Treppe ab und hing nun frei schwebend im Glockenstuhl.

Unter uns gesagt: Seine Lage hatte sich nicht wirklich verbessert und er selbst bekam das sofort schmerzhaft zu spüren. Seine Händchen rutschten am Seil entlang. Er hatte keine Ahnung wie lang er sich so noch halten konnte. Auf keinen Fall würden seine Kräfte ausreichen, um ihn bis zum Glockenplateau zu bringen.

In dem Moment, in dem er ans Aufgeben dachte, spürte er einen sanften Halt unter sich, eine riesige Hand, die ihn langsam sinken ließ. Es war der große alte Engel, der entschieden hatte: „Primo hat seinen Teil gelernt, nun kann ich ihn aus der Not befreien.“ Doch um sicher zu gehen, begann er ein ernstes Gespräch. Primo wusste nicht, wo ihm der Kopf stand: „Ja, doch, sicher“, stotterte er , „beim nächsten Mal hör ich rechtzeitig auf. Mehr ist nicht immer besser! Ok, du hast ja Recht, ich muss nicht immer noch höher.“

Der große Engel ergänzte: „Du kannst bei solchen Aktionen eine Menge verlieren!“ Dabei setzte er Primo liebevoll auf dem Boden ab. „So, nun schau wie du das Läuten den Dorfbewohnern erklärst.“ Unauffällig, wie er gekommen war, verschwand der alte Engel, seinen langen Bart zufrieden streichend.

Vor der Turmtür hatten sich fast alle Dorfbewohner versammelt. Ihre wertvolle bronzene Glocke hatte einen wunderbar vibrierenden, unglaublich tiefen Klang. In großen Abständen konnten noch immer alle ihr „Dong – Dong“ hören. Im Grunde erklang sie nur, bei besonderen Feierlichkeiten, wenn ein Engelchen geboren wurde oder wenn ein Engel im Dorf Hilfe brauchte.

Verlegen auf den Boden starrend druckste Primo herum: „Also, wir spielten Verstecken und dabei bin ich ein kleinwenig über‘s Ziel hinausgeschossen. … Ich fand einfach keinen Weg zurück. …“ „Na, dann war es ja richtig, die Glocke zu läuten“, nickten sich alle anderen Engel verständnisvoll zu.

Obwohl Primo an diesem Abend eine Weile bauchte bis dass er ruhig wurde und einschlief, war er doch glücklich, dass keiner seiner Freunde Schadenfreude empfunden hatte.

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Jeder ist ein Stern – Persönlichkeit

An diesem Morgen wurden die Engelchen schon sehr früh geweckt. Nicht von ihren Müttern mit einem Streicheln im Gesicht oder einem liebevollen Wuscheln in den goldenen Locken. Sie wurden wach von vielen, vielen „MÄÄH“s, die überhaupt nicht mehr aufhören wollten. Obwohl es nun morgens schon recht kühl war, sprangen die Engelchen so flott wie selten aus den Betten und zogen sich an, um nach draußen zu stürmen und nachzuschauen, wer diesen Lärm machte.

Lauschend standen sie alle am Brunnen: „Zwischen den Häusern ist es nicht einfach, eine Richtung auszumachen.“ Meinte das Engelchen mit dem feinsten Gehör. „Seht mal, dort auf unserer Wiese! Hat sich da nicht etwas bewegt?“ Und schon rannten sie los. „Sowas, die fressen ja unsere schöne Blumenwiese ganz kahl“, empört starrten die Engelchen auf eine unüberschaubare Herde Schafe. „Oder was davon noch übrig war“, wand der klügste der Engelchen ein, „wir haben schließlich tiefen Herbst. Die Blumen gehen jetzt eh bald in den Winterschlaf.“

Dina, so hieß dieses überaus gebildete Engelchen kannte sich in so vielen Dingen aus. Nicht dass sie sehr viel mehr für die Schule lernte als die anderen oder dass sie ständig ein Buch in den Fingern gehabt hätte, so war das eigentlich nicht. Dina war einfach nur an allem interessiert und was sie erst einmal beschäftigte, ließ sie nicht mehr los. Sie konnte dann unentwegt Fragen stellen und rumexperimentieren.

Was wollte ich erzählen? Ja, die Schafe.

Die anderen Engelchen grübelten noch, wo wohl all diese Schafe hergekommen sein mochten, da hatte Flips sich schon eines der kleinsten geschnappt und begann mit ihm zu spielen. Keine Ahnung wie er das anstellen konnte. Wahrscheinlich hat er mit seiner Schnelligkeit das ahnungslose Schaf vollkommen überrascht.

„Möchtest du es nicht wieder laufen lassen? Es scheint Angst zu haben.“, keiner der Engel hatte das Herannahen des großen, alten Engels bemerkt. „Siehst du Flips, es läuft sofort wieder in die Herde.“ „Aber warum läuft es nicht nur zur Mutter?“, wollte Dina wissen. „So wird es überhaupt nicht gesehen zwischen all den Beinen, ist besser geschützt vor Wölfen oder dem Schäferhund.“ „Ach so, das ist eine Herde, die von ihrem Hirten von Wiese zu Wiese geführt wird.“, Dina war bereits Feuer und Flamme.

„Und woher weiß der Hirte, dass kein Schaf fehlt?“ Gütig schaute der Engel an seinem langen weißen Bart vorbei: „Er kennt halt jedes einzelne sehr genau.“ „Aber es sind doch nur Schafe!“ meldeten sich die anderen kleinen Engelchen, „die sehen doch alle gleich aus.“ „Na, für uns sehen sie gleich aus. Aber schaut nur, der Hund kennt sie auch ganz genau.“ Jetzt entdeckten sie auch den Schäferhund. Wie ein aufgeregter Polizist, der versucht den Straßenverkehr zu regeln, rannte er von einem ausgebüchsten Schaf zu einem anderen, das unter einem Baum rumtrödelte. „Seht ihr? Jedes Schaf hat seine Eigenarten wie ihr Engel auch.“

Er fuhr den kleinen Engeln über ihre Locken. Seine langen Flügel zur Seite nehmend setzte sich der alte Engel ins hohe Gras. Gespannt hörten ihm die kleinen Engel zu. „Wie lange würde der Hirte wohl für diese Wiese brauchen, wenn er nur ein oder zwei Schafe dabei hätte? Wie schnell würde sich sein Hund langweilen, wenn alle Schafe immer in die gleiche Richtung laufen würden und auch nicht nur eines mal einen neuen Weg entdecken wollte?“

„Aber fressen tun sie doch alle das gleiche Gras.“, Odo, der leider im Moment wieder an Essen denken musste, konnte an den Schafen nun wirklich nichts Besonderes entdecken. „Dann schau mal genau hin“, der große Engel deutete mitten in die Herde: „Kannst du’s erkennen? Jedes Schaf frisst entsprechend seiner Vorliebe, Blumen, Kräuter oder einfach nur Gras.“ Die Engelchen wurden nachdenklich.

„Jedes Lebewesen ist etwas ganz besonders. Es existiert so genau nur ein Mal. Und so wie es ist, mit seinen Vorlieben und seinen Besonderheiten wird es gebraucht in dieser Welt. Jedes einzelne ist wichtig um diese Wiese für den Winter vorzubereiten.“ Der alte Engel spürte es sofort: Mit großen Augen fragten sich die Engelchen, warum er ihnen das alles erzählte.

Lächelnd fuhr er fort: “Jeder von euch ist ebenso einmalig. Eure wichtigste Aufgabe ist es, zu wachsen, groß zu werden mit euren Talenten, Fähigkeiten, eurer Schönheit und eurem Leuchten. Zeigt allen anderen, was in euch steckt, zeigt eure Stärken, sie werden alle gebraucht. Und wenn ihr strahlt, tun es die anderen auch. Ganz bestimmt!“

Gemeinsam gingen sie alle zurück zum Brunnen. Ehrlich gesagt: Die Schafe waren ziemlich erleichtert, dass das sonderbare Leuchten auf der Wiese wieder verschwand. Dina hatte noch etliche Fragen zu klären. Was denn mit Strahlen gemeint sei und wie sie denn Schönheit erkennen könnten? Geduldig wurden sie alle beantwortet. Und dann – verabschiedete sich der große alte Engel von ihnen.

Während er sich in langen schwingenden Schritten vom Brunnen entfernte, musste er schmunzeln als er die Engelchen wie aus einem Mund rufen hörte: „Wir tragen die Herrlichkeit des Universums in uns! Wir tragen die Herrlichkeit des Universums in uns! …“

Ein großer Gesang – Harmonie

Habe ich schon erwähnt, dass im Engeldorf jedes Fest ausgiebig gefeiert wurde?

Die Engelväter kümmerten sich um den Dorfplatz, der dann immer vor Sauberkeit funkelte. Sie stellten Bänke und Tische auf und wenn nötig, wie an besonders heißen Tagen, spannten sie auch ein Zeltdach auf. Die Engelmütter kochten und backten ihre Lieblingsrezepte. Und der Kaufmannsengel aus dem Dorfladen fuhr dicke Getränkefässer auf das holprige Dorfpflaster. Selbst der Brunnen, der ja für sich betrachtet schon sehr malerisch aussah, wurde geschmückt, indem die kleinen Engelchen eine Vielzahl ausgesuchter Blüten auf dem Wasserspiegel schwimmen ließen.

Das morgige Fest sollte alle bisherigen in den Schatten stellen: Der große alte Engel mit seinem langen weißen Bart und seinen riesigen unglaublich leuchtenden Flügeln war von einer langen Reise zurückgekehrt und alle Dorfbewohner waren dankbar und froh, dass er gesund wieder bei ihnen war.

Als besondere Überraschung hatten sich die kleinen Engelchen vorgenommen, natürlich mit Unterstützung ihrer Lehrerin, ein Lied zu singen. Nicht irgendein Lied, das seit Generationen weitergegeben wurde und jeder im Tal kannte. Die Engelchen hatten etwas besonderes, etwas neues, kompliziertes, vielleicht auch größeres ausgewählt.

Obwohl: ist Musik etwas besonderes, weil sie bisher noch keiner gehört hat? Ist sie besser, weil nicht nur eine, sondern mehrere Stimmen sich umeinander ranken? Ist sie größer, weil in einer Sprache gesungen, die nur sehr wenige verstehen? Ich glaube nicht, was meint ihr?

Na ja. Wo war ich? Ach ja, das Lied der Engel.

Es sollte besonders schön werden. Und damit meinten die Engelchen – ihr kennt sie ja – das Lied sollte von den Lippen über die Ohren ohne Umwege direkt ins Herz gehen. Eine schwierige Aufgabe!

Die Proben fanden im Schulhaus statt. Die ersten Treffen liefen sehr gut. Jedes Engelchen kannte bereits nach wenigen Durchläufen seine Noten. Und von Mal zu Mal wurden ihre kleinen Stimmen kräftiger und sicherer. Irgendwie gehörte Singen doch zu einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Die Engelchen waren fest davon überzeugt, dass jedes Lebewesen auf der Erde diese natürliche Begabung besaß und ohne besonderen Unterricht singen konnte. Ihr hättet sie nicht davon abbringen können.

Nun stand die letze Probe an, und Aufgabe der Lehrerin war es, alle kleinen Sänger zusammenzubringen. Ihr Klavierspiel klang schon sehr beeindruckend. Die ersten beiden Stimmen hatten zu Beginn ein kleines Geschwindigkeitsproblem, doch schon nach kurzer Zeit einigten sie sich auf ein Tempo.

Die dritte Stimme dazu: Wie soll ich es beschreiben? Es klang ein wenig so, wie ihr euch den Himmel vorstellt. Man wusste nicht, ist es nun die höchste Stimme oder gehört sie unter die zweite? Sie „umsang“ die beiden anderen einfach perfekt. Mit ihr strahlten die ersten beiden Stimmen um ein Vielfaches mehr.

Die vierte und letzte Stimme war eigentlich die wichtigste: Sie lieferte die tiefen Grundtöne des ganzen, sie stützte die anderen. Die Lehrerin begann mit einem ersten Versuch.

Irgendetwas stimmte nicht. Immer wieder klirrte es in den Ohren, alle bekamen Gänsehaut. „Da gibt es noch kleine Schwierigkeiten“, meinte sie sehr nachsichtig“, hört beim Singen einfach auf das Klavier.“ Beim zweiten Mal zogen alle Engel schon vor den entsprechenden Stellen die kleinen Schultern hoch, sie wussten ja, wie schaurig der nächste Ton daher käme.

„Aeo, kann es sein, dass du diesen Ton“, die Lehrerin schlug ihn auf dem Klavier an, „etwas zu hoch singst?“ „Oh, meiner ist nicht zu hoch, dein Klavier ist zu tief“, Aeo sprach sehr überzeugt. „Das ist nur schwer möglich“, lenkte die Lehrerin ein, „schau, die Intervalle zu den anderen Tönen stimmen.“

„Aha, na dann singen die anderen zu tief“, Aeo war doch ziemlich hartnäckig. „ Aber der Akkord an sich ist schon richtig.“

Wie schaffte es die Lehrerin nur immer, so ruhig zu bleiben?

„Schau, Aeo. Harmonie ist sehr wichtig, sie muss einfach stimmen, erst dann hat jeder ein wohliges Gefühl. Und wenn es auch nur kleinste Abweichungen gibt, ist der gewollte Klang an dieser Stelle gestört.“

Aeo bekam unter seinen golden Locken zusehens rote Ohren: „Bei mir stimmt alles! Ich bin immer in Harmonie, ich habe noch nie jemanden gestört!“, fragend schaute er in die kleine Chorrunde. „Oder klirren euch die Ohren, wenn ich mit euch rede?“ Die Engelchen konnten sich ein Kichern nicht verkneifen. Aber schon im nächsten Moment tat es ihnen leid.

„Aeo, du bist die Ausgeglichenheit in Person“, versuchte die Lehrerin zu beruhigen, „ich weiß, du bist immer im Gleichklang mit allen anderen, nur grad im Moment ….“, sie zögerte, “was hältst du davon ….? –

Ich brauche noch einen sehr gut hörenden und sehr gewissenhaften Assistenten, der mir die Noten umblättert. Hättest du dazu Lust ?“ Nun komplett rot geworden stotterte Aeo stolz: „Sicher, klar doch. Wenn sie meinen, ich kann das?“

Und siehe da: Der Wohlklang im Lied war hergestellt. Die Harmonie zwischen den Engelchen bewahrt.

Es wurde ein so wunderbares Fest. Nachdem alle Dorfbewohner den großen Engel begrüßt, Speise und Trank reichlich genossen und rund um den Brunnen Platz genommen hatten, boten die Engelchen ihr Lied dar.

Was soll ich sagen?

Selbst die Flügel von einem so großen Engel waren nicht lang und weit genug um Tränen der Rührung verbergen zu können.

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Der harte Ast – Nachgiebigkeit

Es war ein herrlicher Nachmittag im Dorf zwischen den Bergen. Die großen Engel waren alle mit ihren Sensen unterwegs, um Heu für die Kühe zu mähen. Bunte Schmetterlinge umschwirrten den Brunnen und die Bäume auf dem Dorfplatz rauschten leise im Wind.

Auf den Bänken zwischen den Bäumen am Dorfplatz saßen die kleinen Engel und diskutierten, wie sie den Nachmittag verbringen wollten.

Alex und Peule schlugen ein Mannschaftsspiel mit ihrem goldenen Ball vor. Ein Großteil der anderen Engel war sofort damit einverstanden. Erwähnte ich schon, dass die Engel am liebsten Fußball spielten?

Doch diesmal machte ein weiteres Engelchen einen Gegenvorschlag. „Ich möchte doch lieber Angeln gehen.“ Dieser kleine Engel – er hieß Jona – war ein wenig störrisch, manchmal auch richtiggehend verbohrt, aber auf jeden Fall immer leicht eigensinnig. Ihr werdet es Euch nicht vorstellen können, doch diese innere Haltung sah man ihm tatsächlich ein kleinwenig an: Seine goldenen Haare standen ihm immer vom Kopf, die kleinen Flügel immer starr vom Rücken ab, statt seine Bewegungen leicht und luftig zu begleiten. Und seine Kleidung schien ihm beim Laufen irgendwie im Weg zu sein, so dass er sie dauernd beiseite schlug. Im Großen und Ganzen machte Jona keinen zufriedenen Eindruck.

Was wollte ich erzählen? Ach ja, was unternahmen die Engelchen an diesem herrlichen Nachmittag?

„Angeln ist prima, aber das können wir auch noch am Abend“, erwiderte ein weiteres Engelchen. „Jetzt sofort möchte ich angeln!“ beharrte Jona. „Meine Angel ist kaputt, können wir nicht doch lieber mit dem Ball spielen?“ machte Flips von seiner Stimme Gebrauch. „Warum soll es immer nur nach eurem Willen gehen?“ Jona wurde richtig ärgerlich.

„Wie haben doch abgestimmt, Jona, es ist der Wunsch der Mehrheit“, versuchte Alex zu beruhigen. „Wenn ihr jetzt zur Wiese geht, könnt ihr demnächst ohne mich spielen!“ Jona stand kerzengrade vor allen anderen. Jedes Engelchen spürte, er wich keinen Zentimeter von seinem Standpunkt ab. Enttäuscht zuckten sie mit den Schultern, packten Jona bei seinen Flügeln und unternahmen letzte Schlichtungsversuche: „Komm, überleg es dir noch mal.“ „Du kannst ja nachkommen, ok ?“ Doch die freundschaftlichsten Stubser halfen nichts, Jona blieb auf der Bank sitzen und schmollte.

Nachdem die Engelchen nachdenklich aber nicht weniger gutgelaunt zwischen den Häusern Richtung bunter Wiese verschwunden waren, wurde es ruhig auf dem Dorfplatz. Vereinzelt hüpften auf der Suche nach etwas Essbarem kleine Vögel auf dem Boden herum. Das Wasser des Brunnens plätscherte lustig vor sich hin. Und ab und an konnte Jona hören, wie eine Kastanie auf das Pflaster fiel. Als Jona bewusst wurde, wie einsam er nun war, wurde er so traurig, dass er tatsächlich begann zu weinen.

Also unter uns: Der große alte Engel mit den riesigen Flügeln hat ja schon so einiges Schöne und auch weniger Schönes erlebt, aber das Weinen einer seiner kleinen Engelchen konnte er nicht ertragen. Durch seine Tränen hatte Jona ihn zunächst gar nicht wahrgenommen, er spürte nur eine wohlige Wärme und ein helles Licht. „Jona, hast du Sorgen?“ die tiefe, ruhige Stimme des alten Engels tat sofort gut. „Ich wollte angeln gehen, aber keinen interessierte das.“ „Habt ihr keine Lösung gefunden, mit der du zufrieden gewesen wärst?“

Der weise alte Engel wollte Jona helfen, seine Sturheit selbst zu erkennen. „Was soll es da für eine Lösung geben? Ich wollte, dass alle mit mir angeln gehen!“ „Wärst du im Moment nicht glücklicher, wenn du nachgegeben hättest und erst einmal mit ihnen gegangen wärst?“ Der große Engel gab nicht auf. „Ich will aber nicht, ich will, dass sie alle mal auf mich hören!“ Jona machte jetzt einen richtig verzweifelten Eindruck.

Jeder der Engel im Dorf wusste, dass der große alte Engel nie jemanden ärgern würde. Seine Aufgabe war es, Frieden zu schaffen, Hilfe zu leisten, und allen Engeln die Herzlichkeit und Perfektion des Universums nahe zu bringen. Wodurch hatte sich Jona so verrannt, das nicht einmal der große Engel Zugang zu ihm fand?

Er versuchte, Jonas Herz mit einer anderen Geschichte zu erreichen: „Sieh mal diesen Ast, Jona. Wenn ich ihn biege, zerbricht er dann?“ „Nein, er ist doch noch frisch und jung!“ „Aha“, nickte der große Engel, „und dieser hier, warum zerbricht er wohl, sobald ich ihn nur etwas bewege?“ „Na, er ist halt alt, knorrig, verholzt. Ein harter Ast bricht sofort, das weiß doch jeder.“ Jona war immer noch ziemlich ruppig.

„Nun schau dich an“, bemühte sich der Engel in seiner sanftmütigen Art und legte seine langen Flügel vorsichtig um den zitternden Jona, „bist du nicht auch hart, unnachgiebig, leicht zu verletzen?“ Er schaute geduldig auf den kleinen Engel, “werde weicher, nachgiebiger. Du erlebst dann wunderbare Dinge..“ „Bin ich dann nicht mehr so allein?“ zaghaft kam die Frage. „Du bist nie allein, aber du wirst spüren, wie die anderen immer häufiger auf dich zugehen. Sie werden deine Aufgeschlossenheit mögen.“

Mit einem Mal strahlte Jona, „kann ich es gleich ausprobieren?“ „Ja klar“, der große Engel öffnete seine Flügel, „lauf ihnen nach und du wirst sehen, wie sie sich über dein Mitspielen freuen.“ Überglücklich rannte Jona los Richtung Wiese.Und wer genau hinsah bemerkte: seine goldenen lockigen Haare standen nicht mehr ganz so starr vom Kopf ab.

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Schnee macht die Welt leiser – Stille

Über Nacht war im Dorf der kleinen Engel Schnee gefallen. Er hatte sich wie feiner Schaum über alle Pflanzen, Wege und Häuser gelegt. Und die Tiere, die nicht in einer Höhle oder einem Loch schliefen, trugen ebenso eine gleichmäßige weiße Haube wie die Bänke zwischen den Dorfbäumen.

Erstaunt und fast ehrfürchtig kamen nach dem Frühstück die kleinen Engel aus ihren Häusern. Ja, die alten Engel hatten wohl vorhergesagt, dass es in den nächsten Tagen Schnee geben muss, doch dass er so lautlos einfach daliegt?

Mit großen vorsichtigen Schritten – sie wollten noch nicht die herrliche Pracht mit unnötigem Rumgelaufe zerstören – stapften sie zum Brunnen.

„Ist das nicht herrlich? Winter über Nacht, dabei haben wir doch noch nicht einmal Advent.“ Flips, der kleinste Engel, verband immer noch alle Naturbilder mit Festen, die im Engeldorf fröhlich und ausgiebig gefeiert wurden. So hatte Schnee zu Weihnachten und Silvester zu liegen. In der Karnevalszeit war es immer besonders kalt. Zu Ostern zeigten sich die ersten Schlüsselblumen auf der großen Wiese. Und an Himmelfahrt stand das ganze Tal in einem bunten lustigen Blütenmeer.

Wo war ich? Ah ja, die Engel im hohen Schnee, am Brunnen sitzend.

Ihre kleinen Hände in dicke Wollhandschuhe gepackt, die Bommelmützen – sagt man das heute noch? – auf dem goldenen Lockenkopf und die kleinen Flügel in dicke Schals gewickelt, zeichneten die Engel Figuren in die luftige Masse.

„Hört ihr das?“ fragte erstaunt ein Engel. Einer, der sonst nicht einfach in die Runde ruft, eher einer der zurückhaltenden, ruhigen Beobachter. Lisa, so hieß der Engel, oder möchtet ihr sagen die Engelin, egal – Lisa hob nachdenklich die Arme und sagte noch einmal: „Hört ihr?“ „Wir hören gar nichts“, wunderten sich die anderen Engel. „Eben, alle Geräusche sind gedämpft, alles wirkt unglaublich ruhig, wie in Watte gepackt. Ist das nicht herrlich?“

Erwähnte ich schon, dass Lisa die Ruhe liebte? „Ich hab‘ aber Langeweile!“, meldete sich eines der zappeligen, quirligen Engelchen, „was stellen wir denn heute an, außer einer Schneeballschlacht, nach der uns doch immer so entsetzlich kalt ist?“ „Na, wir sind doch nicht aus Zucker! Erst eine gewaltiges Schneewerfen und dann Kakaotrinken vor unserem Kamin, einverstanden?“ Alex hatte doch immer die besten Ideen.

Durchgefroren und pitschenass hockten die Engelchen schon nach kurzer Zeit vor einem großen knisternden Kaminfeuer und wärmten sich ihre steifen Finger an Kakaotassen.

„Wisst ihr eigentlich, dass es Menschen gibt, die für Schnee unendlich viele verschiedene Namen haben. Je nach Alter und Art des Schnees?“ „Ja, das sind die Inuits, die leben nur im Eis und Schnee.“ Interessiert hörten die Engelchen zu.

„Unsere Lieder, die wir hier im Tal singen, hat noch nie jemand aufgeschrieben. Sie werden immer nur vor- und nachgesungen. Witzig nicht?“ Schon überlegte ein weiteres Engelchen, mit was für spannenden Dingen es sich an der Runde beteiligen konnte.

„Und die Geschichten, die wir in Büchern lesen können, wurden früher genau an solchen Kaminen den Kindern erzählt.“ „Weil“, und schon wusste ein weiterer Engel etwas beizutragen, „es an langen dunklen Winterabenden keinen anderen Zeitvertreib gab, als vor dem Feuer Wolle zu spinnen und Handarbeiten zu machen. Und dabei wurde halt viel erzählt.“ „Ha, genau wie wir gerade!“ meldete sich nun auch Flips zu Wort.

Nachdenklich schauten alle Engelchen in ihre Kakaotassen und mit einem Mal wurde es ganz ruhig in der Stube; so ruhig, dass alle hören konnten, wie sich die Katze in der Ecke leckte. „Könnt ihr euch auch gerade beim Denken zuhören?“ Alle nickten, „und ich kann meinen Herzschlag hören.“, „und ich meinen Atmen; darauf habe ich noch nie geachtet.“

Lächelnd und zufrieden schaute Lisa in die Runde: “Hab ich es nicht gesagt? Stille und selber still sein ist wunderschön; ihr könnt sehr viel Neues entdecken und vieles wird auch ganz unwichtig.“

Leise nickten alle anderen, nicht nur, weil sie langsam müde wurden: sie wollten die seltene Ruhe nicht stören und sie noch ein wenig genießen.

Das Fußgefühl – Erfolg ist immer relativ

Der Schnee blieb liegen. Im Tal wurde es so kalt, dass scheinbar alles Leben zum erliegen kam. Die Katzen unternahmen keine Ausflüge mehr. Mit ihren kleinen Pfoten wären sie im Schnee versunken. Die Hunde lagen lieber faul am Kamin, statt sich ihre Nasen zu verkühlen. Die Mütter der Engelchen suchten angestrengt nach Arbeiten im Haus – wie Brotbacken, Weidenkränze flechten, Socken stopfen und solche Dinge – nur um nicht in die Kälte zu müssen. Selbst die kleinen Blaumeisen, die bei jedem Wetter vergnügt in den Gärten rumhüpfen, ließen sich nicht blicken.

Allein unsere Engelchen hatten einen Mordsspass im Schnee. Sie kramten am frühen Morgen ihre Ski aus den Kellern und freuten sich nun auf den freien Samstag.

Wie? Ihr dachtet, Engel kennen sich mit solchen Dingen nicht aus, sie treiben keinen Sport, sie haben nur ihren Ball? Ja, was glaubt ihr denn, wie sie ihre Aufgaben als Schutzengel wahrnehmen könnten, wenn sie euch auf Fahrrädern oder Skateboards nicht hinterher kämen? Sie sind sehr wohl auf dem Laufenden; und sehr bewandert in Dingen des modernen Outdoor-Equipements.

Was wollt ich noch erzählen?

Ah ja, die Engelchen als Schneesportler. Gemeinsam trotteten sie unter der Last der Ski mit ihren reichlich ungelenken Schuhen bis zum Fuß der Berge. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt. Er war richtig kalt. Ideale Bedingungen um in unberührtem Gelände zu fahren.

Die ersten schnallten sich die Ski an – sagt man das heut noch? Wo es doch keine Lederriehmen mehr am Ski gibt? Egal. Ein vorsichtiges Rantasten, ob sie überhaupt noch fahren konnten, gab es nicht bei diesen Engeln. Mit lautem Gekreische waren sie schon auf dem Weg nach unten. Ihre Spuren im Schnee sahen vollkommen gleichspurig aus. Wie Eisenbahnschienen schlängelten sie sich zwischen den Bäumen durch und glitzerten lustig in der Sonne.

Alex hatte sich angeboten, die Nachhut zu bilden um bei Stürzen helfen zu können und sicher zu gehen, dass auch jeder seiner Freunde gut im Dorf ankommt. Doch nun: Neugierig beobachtete er Peule, wie er mehr als umständlich in seine Bindung stieg, in die Schlaufen der Stöcke fuhr und dann noch einmal seine Kleidung kontrollierte.

„Gibt’s Probleme?“ erkundigte sich Alex. „Nein, nein“, wiegelte Peule ab, „es ist nur so, dass ….“, er kam in Stottern und prüfte dabei schon wieder die Schnallen an seinen Schuhen, „eigentlich wollte ich gar nicht mit. Hier am Berg habe ich immer Angst!“ „Oh, das wusste ich nicht“, staunte Alex und grübelte sofort, wie weit in diesem Fall wohl seine Verantwortung reichte, „aber runter müssen wir auf jeden Fall!“

In der Sorge, Peule würde jetzt einen Fußmarsch vorschlagen, hörte er ihn flüstern: „Könntest du mir nicht auf dem ersten Stück helfen? Den Rest schaff‘ ich dann bestimmt alleine.“ Soviel Courage hätte Alex dem vorsichtigsten Engelchen aller Zeiten nicht zugetraut.

„Na klar, zusammen schaffen wir das.“ Er drehte sich um, so dass er das Tal im Rücken hatte. Streckte seine Arme aus und schlug vor: „Stütz dich auf meine Arme, ich brems dich ab, während wir fahren.“ Die ersten Meter dauerten, weil Geschwindigkeit nicht wirklich aufkommen wollte. Alex konnte es deutlich sehen: Peule hatte eine solche Angst, dass er vor Anspannung seine Beine überhaupt nicht bewegen konnte. Alex versuchte es mit Ablenkung: „Was gibt’s denn bei euch heut Abend zu essen?“ Oder: “Schau mal, wie herrlich unsere Berge in der Wintersonne glühen.“ Nichts half. Peule starrte wie gebannt auf seine Skispitzen und hielt sich krampfhaft an Alex fest.

Dieser sah nur eine Möglichkeit, vor Dämmerung im Tal anzukommen: „Peule, wir probieren einen Trick.“ „Alex, das ist jetzt nicht der Ort für Scherze“, Peule schaute ihn entsetzt an, „im Moment steht mir nicht der Sinn nach Experimenten!“ „Doch vertrau mir“, meinte Alex in fröhlichem Ton und bremste ab, „das wird funktionieren. Wir machen die Sache jetzt so kompliziert, dass dein Kopf keine Chance hat, mitzukommen und weiter Angst zu schaffen.“

Im Stehen wurde Peule locker: „Aha, wie die großen Maler, die ihre Motive auf den Kopf stellen?“ „Genau, dreh dich um, du fährst rückwärts und ich halt dich.“ Ohne Widerworte rutschten sie los, immer gut Abstand haltend zu den dicken Bäumen, die am Hang standen. Es klappte tatsächlich auf Anhieb, Peules Beine wurden geschmeidig, das Bremsen fiel ihm leichter und er begann sogar mutig zu plaudern. „ Spürst du jetzt deine Füße?“ erkundigte sich zwischendurch Alex. „Ja, wenn ich ehrlich bin, zum ersten Mal“, gab Peule zu, „ich kann fühlen wie der Ski reagiert, sobald ich meine Füße kippe. Ich habe das Gefühl, das Ganze ist nur Fußarbeit.“

Peule war sichtlich stolz auf sein neues Fußgefühl. „Ich denke, das reicht. Dreh dich wieder um und fahr wie bisher weiter.“ Nach dieser Aktion vertraute Peule seinem Freund vollkommen. Und Alex gab sich auch ordentlich Mühe. „Super! Das ist schon viel besser! Jetzt hast du’s! Klasse, du bist richtig gut! Bisschen mehr Tempo, dann geht’s noch leichter!“ Durch solche Zurufe machte er Peule noch mehr Mut.

Weit nach allen andern kamen sie im Tal an. Doch das spielte keine Rolle, denn Peule war mächtig stolz. Hatte er doch gelernt, seine Angst auszutricksen und die Kraft in seinen Füßen zu spüren.

Alle Engelchen standen fröhlich beisammen und überlegten gerade, ob sie morgen noch einmal den Berg erklimmen sollten, da kam vom Waldrand her der große alte Engel auf sie zu. Anscheinend konnte ihn die Kälte nicht von seinem täglichen Spaziergang abhalten. Schon von weitem rief er: „Und, wer war heute der erfolgreichste Skiläufer?“ Ohne nachzudenken riefen alle Engelchen im Chor: „Unser Peule!“

Was möchtest du mal werden? – Herzensangelegenheit

Einmal im Jahr trafen sich alle Engelchen nachmittags in der Schule. Nicht etwa zum lernen oder gar zum aufräumen. Sie bastelten dort, zusammen mit ihrer Lehrerin. Und das stundenlang: Es gab Jahre, in denen fanden sie überhaupt kein Ende. Und wofür? Für den Weihnachtsbasar. Sobald der Schnee das Tal fest im Griff hatte und die Tage so lang wurden, dass alle schon am frühen Abend gerne zu Bett gegangen wären, wurden alle Dorfbewohner leicht nervös, denn die Adventszeit stand vor der Tür. Und weil Weihnachten ja immer sehr unerwartet eintrifft, gab es für alle, also auch für die kleinen Engelchen jedes Jahr noch eine Menge zu tun.

Was wollt ich erzählen?

Ah ja, die kleinen Engel saßen also alle an ihren Schultischen, die sie um sich besser unterhalten zu können in einen Kreis gestellt hatten. Ein jedes hatte sich seine Aufgabe gewählt, ganz nach seiner Neigung.

Alex, der älteste kümmerte wie jedes Jahr um die Restaurierung der großen Dorfkrippe. Er konnte es sich nicht erklären, aber die großen geschnitzten Tiere schienen immer wieder im Sommer ihre Ohren, Schwänze oder gar Beine abzustoßen. Flips, der kleinste, war für das Falten winziger Sterne zuständig. Die Engelmädchen Dina, Lisa und Hedi knüpften, in wichtige Gespräche vertieft, Tannenkränze, an die später unendlich viele bunte Kugeln gehangen wurden. Peule und Odo bastelten wie im vergangenen Jahr unglaublich fantasievolle Kerzenhalter. In der Adventszeit erstrahlte jedes Haus, der große Dorfplatz und der Brunnen in wunderbarem Licht. Nur müsst ihr euch hierbei Kerzenlicht vorstellen, weich, gelblich und leicht flackernd. Viel lebendiger als elektrische Lichterketten. Die Lehrerin achtete auf Nachschub beim Material und hatte auch ein Auge auf den Verbandskasten, falls einem kleinen Handwerker mal die Schere ausrutschen sollte.

Auf einmal fragte die neugierige Dina: „ Alex, du bist so geschickt mit Schnitzmesser und Kleber! Möchtest du mal Schreiner werden?“ „Da mache ich mir überhaupt keine Gedanken drüber, denn ich werd‘ wohl den Laden meines Vaters weiterführen. Das wünscht er sich so sehr.“ Bemerkte Lisa da gerade einen traurigen Blick in Alex Augen? „Ich werde die große Glocke im Turm bedienen und pflegen, so wie alle bisher in meiner Familie“, Odo ließ nicht den geringsten Zweifel an dieser Berufung aufkommen. „Aber ist das nicht langweilig und auch riskant, einfach den Familienberuf zu übernehmen?“ Diese ungeheuerliche Frage stellte – wie konnte es anders sein – Peule., „mein Vater ist ein sehr vielbeschäftigter Schutzengel und ständig in der Welt unterwegs. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir diesen Stress antun möchte.“

Lisa, die bisher schweigend weiter an ihrem Tannenkranz gearbeitet hatte, meldete sich nun in der Runde: „Ich für meinen Teil habe keine Ahnung, für welche Aufgabe ich geeignet wäre oder was ich besonders gut könnte. Aber …“ und Lisa machte eine nachdenkliche Pause, „ist es nicht zuallererst wichtig in sich hinein zu hören?“ „Wie meinst du das denn?“ alle Engel sahen sie erstaunt an, bis auf Peule, der nickte eifrig. „Ich meine auf eure eigenen Gefühle zu achten. Zu spüren, wann ihr eine Sache mit dem ganzen Herzen tut. Ich glaube, wenn wir ganz ruhig werden und uns selbst beobachten, dann merken wir sehr schnell, womit wir unsere Zeit verbringen möchten!“ „Ach so, na das weiß ich schon lange“, das war nun Odo, der lachend hinzufügte, „ich esse am liebsten!“ Lautes Lachen füllte das Schulhaus. Aber Lisa gab nicht nach: „Ich zum Beispiel liebe es in einem ruhigen Raum zu sitzen, Papiere zu sortieren, Notizen anzufertigen und mit meinem Kopf nach Lösungen für irgendwelche Probleme zu suchen.“ Keiner der Engel hatte Lisa je so lange sprechen hören, das Thema schien ihr am Herzen zu liegen.

Die Lehrerin erschien im Raum und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Unser Odo schon wieder, was machen denn deine Vorsätze?“ Odos Ohren nahmen Farbe an, doch schon hörten alle wieder aufmerksam der Lehrerin zu, die sehr nachdenklich begann mit den fertigen Strohsternen zu spielen, „Lisa hat Recht. Entscheidend ist euer Herz. Wenn ihr auf euer Herz hört, werdet ihr einen Beruf finden, der euch viel Freude bringt. Ihr werdet eure Arbeit so gerne machen, dass sie euch nie schwer fallen wird. Ihr werdet mit Abstand die besten sein und das allerschönste daran wird sein, ihr werdet nicht merken nicht wie die Zeit vergeht.“ Alle Engel sahen sie beeindruckt an. So in sich gekehrt und ernst erlebten sie ihre Lehrerin nur selten.

Über der großen Holztür des Schulgebäudes war eine steinerne Tafel angebracht, auf der stand:

Folgt eurem Herzen !

War das damit gemeint? Darf sich jeder seine Herzenswünsche erfüllen? Keiner der Engel bastelte noch, sie grübelten. Doch schon richtete sich die Lehrerin auf, schaute überrascht, wie aufgewacht in die Runde und rief: “Ja die Zeit, seht ihr, wie spät es schon ist! Eure Eltern werden sich Sorgen machen!“ Fröhlich schnatternd packten die Engelchen alles Notwendige zusammen und stürmten aus dem Schulgebäude.

Könnt ihr Euch vorstellen, was es an diesem Abend bevor die Augen der kleinen Engel zufielen an jedem Bett mit den Müttern und Vätern zu besprechen gab?

Niemand bleibt fremd – Liebe ist überall

Seit gestern gab es einen regen Austausch zwischen den großen Engeln. Ständig standen sie zusammen und man hörte sie fragen: „Sind sie denn schon angekommen?“ „ Hat sie schon jemand gesehen?“ „Welches Haus werden sie beziehen?“ Doch wollten die kleinen Engel wissen, was es aufregendes gab, so wurden sie mit den Worten „Ihr erfahrt es schon noch früh genug.“ stehen gelassen.

Erst nach zwei weiteren Tagen trat die Lehrerin morgens vor die Klasse und hatte ein Engelchen mit auffallend rötlichen Haaren an der Hand: „Darf ich euch einen neuen Schüler vorstellen? Das ist unser Spätzle. Er und seine kleine Schwester sind gestern mit seinen Eltern in den Hof am Ende des Dorfplatzes eingezogen.“ „Än guata Morga älle zämma!“ Fröhlich begrüßte der neue Engel seine Mitschüler und sogleich ging ein leises Lachen durch den Raum. „Wie sprichst du denn?“ wollte gleich neugierig wie immer Dina wissen. „Na, I kumm fu dort, do schwätzed älle so ich.“

Nachdem das ja nun fürs erste geklärt war, konnte gelernt werden. Am Nachmittag, nachdem alle Schulaufgaben und Hilfsarbeiten zuhause erledigt waren, trafen sich die Engelchen – wie üblich – am Dorfbrunnen. Doch es regnete so heftig, dass sie nicht zur Wiese gehen konnten, sie wären knöcheltief im Matsch versunken. Noch bevor Langeweile aufkommen konnte, rief s’Spätzle: „I selbr mah jo des bädschnasse, abr wenner wend, känne mr au in eiserm Schuier spiele!„

Fragend sahen sich die kleinen Engelchen an. „Na, unser neuer Freund schlägt vor, in seiner Scheune zu spielen“, übersetzte lachend Alex allen anderen. Eigentlich kannten sie die neue Familie ja noch gar nicht. Aber, was sollte dagegen sprechen?  „Erlauben das denn deine Eltern?“ erkundigte sich sofort Alex. „ Na klar, meini Eltra fraied sich wenn se sänned, dass mr scho Freind gfunnde hond!“

In der Scheune angekommen, schmissen sich gleich alle Engelchen ins Heu, bewarfen sich mit den zahlreichen Körnern vom Boden, jagten der verschlafenen Katze hinterher und begannen mit den an der Wand angelehnten Gabeln zu fechten. Lisa bemerkte es zuerst, s’Spätzle stand etwas verloren und bedrückt am Gatter der Schweine und beobachtete bedrückt und auch etwas traurig das Treiben der anderen. „Was ist los mit dir?“ Lisa stellte sich dicht neben ihn so dass sich ihre Flügel ganz leicht berührten. „Ach, ich habe Angst“, leise, kaum hörbar sprach s’Spätzle und zum Erstaunen von Lisa, sie verstand ihn plötzlich! „Hier ist alles so anders. Ihr seid so anders als wir. Ich bin mir nicht sicher, ob das hier unser Zuhause werden kann …“ Völlig irritiert nahm Lisa seine Hand: „Aber wie kommst du denn darauf?“ „Ihr versteht uns doch nicht einmal, wenn wir sprechen …“ s’Spätzle drehte sich nun zu Lisa und bemerkte, dass fast alle Engelchen um sie herumstanden. „Ich habe eine Idee“, rief aufmunternd Peule in die Runde, „wir setzen uns dort drüben in einen großen Kreis und bereden das mal wie die Großen, einverstanden?“ Keine Widerworte, gespannt, was nun kommen würde, hockten sich alle Engelchen ruckzuck in den Schneidersitz. „Nun, erzähl“, forderte Alex s’Spätzle auf, “warum bist du traurig?“ „Ich habe Angst, dass ihr kein Vertrauen zu mir habt!“ Erstaunt sahen ihn die anderen an : „Aber wie kommst du denn darauf?“ Kam es wie aus einem Mund. „Wir sind doch fremd für Euch, ihr kennt uns doch noch gar nicht.“ „Ja, das ist aber ganz normal. Nach ein paar Tagen ändert sich das. Im Moment sind halt vorsichtig, deshalb auch unsere Frage vorhin, wir möchten deine Eltern nicht verärgern.“ Lisa nahm jetzt wieder seine Hand und machte nicht den Eindruck, sie in der nächsten Zeit nicht loslassen zu wollen. „Ich versteh nicht“, Flips suchte auf seine unvergleichliche liebevolle Art den Augenkontakt mit dem Spätzle, „wo kommt denn deine Angst her? Ihr seid doch Engel, genau wie wir. Ihr lebt hier mit uns im Dorf. Dein Vater wird sich um all diese Tiere kümmern und deine Mutter möchte doch in unserem Kindergarten aushelfen.“ Alle konnten Flips die Ratlosigkeit anmerken.

Im Heu raschelten die Scheunenmäuschen, liefen hin und her und fragten sich, warum ihr Aufenthaltsort so hell erleuchtet war? Die Katze hockte hoch im Dachstuhl auf einem Balken und fragte sich, wann wieder Ruhe in ihre Scheune einkehren würde. Da bemerkte sie wie aus dem Nichts der große alte Engel mit seinem bodenlangen Gewand im hinteren Teil der Scheune, in dem die sperrigen Geräte für die Futterzubereitung aufbewahrt wurden, erschien; sich aber noch im Schatten versteckte und den kleinen Engelchen schmunzelnd lauschte.

„Wenn ihr ehrlich seid, versteht ihr mich doch nicht mal so richtig“, s’Spätzle schaute fragend in die Gesichter seiner neuen Freunde, „ und wenn ihr einen Engel nicht versteht, dann wisst ihr doch auch nicht, was er denkt, oder? Und dann bleibt er einem immer fremd!“ „Na das ist ja ein Unsinn“, Dina stand abrupt auf, stemmte ihre kleinen Ärmchen in die Hüfte und rief:“Sowas habe ich ja noch nie gehört! Wir sind Engel“, jetzt wurde sie sogar richtig laut“, wir haben vor jedem Lebewesen Achtung und Respekt, egal ob wir seine Sprache sprechen oder nicht.“ „Ob es so aussieht wie wir oder nicht!“ rief Flips. „Ob er Fußballspielen kann oder nicht!“ Das war Jona noch wichtig zu ergänzen. „Ich hab’s“, sprang nun auch Odo auf (er sprang etwas langsamer als die anderen, aber immerhin):“Wir rufen uns Begriffe zu und s’Spätzle übersetzt sie uns in seinen Dialekt!“ Alle waren begeistert. Nur die Katze ahnte, dass sie ihren Nachmittagsschlaf verschieben musste.

Aus seinem Versteck sah der alte Engel die Engelchen quer durch die Scheune springen: „Brotende.“ „Heißt Kneisle!“ „ein großes Stück von … egal von was?“ „Än Ribbel.“ „Das hört sich nett an, und Zaun?“ „Na än Zuh, ganz ähnlich. Nur Marmelade, die hört sich etwas fleischig an: Gselz.“ „Iiiih!“riefen alle Engelchen. Und wenn du dir weh getan hast, was rufst du dann?“ S’Spätzle hörte einen Moment mit dem Toben auf und dachte nach:„Breschde!“ „Aber am witzigsten find ich immer: bloabe Bloame, na wer weiß, was das sind?“ „Blaue Blumen?“ Lisa schrie quer durch die Scheune. „Ja Himmel, Zaggzemend, wie hast du das erraten?“ S’Spätzle schmiss sich ins Heu und lachte und lachte. Und alle anderen Engelchen stürzten sich auf ihn.

Zufrieden lächelnd hob der große Engel seinen weißen langen Bart hoch und stahl sich leise aus der Scheune. Heute brauchten die kleinen Engel seinen Rat nicht mehr, sie hatten einen neuen Freund gewonnen, mit Weisheit und mit ihren Herzen. Und sie hatten dabei auch noch wunderbare Wörter gelernt. Der alte Engel war sehr stolz auf die kleine Bande, die an diesem Abend besonders schnell einschlief.

Armer kleiner Vogel – Sterben ist nicht das Ende

Heute war ein Tag, so richtig zum umarmen! Der späte Frühling hatte das ganze Tal in ein leuchtend grünes Blattmeer verwandelt. Die Vögel zwitscherten den ganzen Tag vor sich hin, nicht nur früh morgens, wenn alle noch schliefen oder zur Dämmerung. Es war ein Sonntag. Die großen Engel gingen ihren Hobbys nach, sie lasen in der Hängematte, plauderten mit Freunden im Garten oder lagen einfach nur in der herrlich warmen Sonne. Unsere kleinen Engelchen hatten sich zum Murmelspiel verabredet und suchten nun gemeinsam nach einer glatten ebenen Fläche im Dorf um ihre bunten Murmeln gegeneinander rollen zu lassen.

Mit einem Mal hörten sie ein lautes herzerweichendes Geschrei und Geflatter. Alle zusammen liefen sie um die nächste Zaunecke und wurden Augenzeuge eines ungleichen Kampfes, ja eines heftigen Überlebenskampfes.

Die Katze – welche es genau war, konnten die Engelchen nicht erkennen. Es gab einfach zu viele im Dorf, als dass man sie jetzt alle mit Namen kennen würde. Fast jede Engelfamilie kümmerte sich um einen solchen Haustiger, denn zum einen vermehrten sie sich zahlreich, so dass es genügend gab und zum anderen waren sie ja doch ganz nützlich um die noch schneller wachsende Schar an Mäusen überschaubar zu halten.

Was wollte ich erzählen? Ach ja, die Katze, die sichtbar stolz einen kleinen Vogel in ihren Krallen hielt.

Entsetzt sahen die Engelchen diesem Drama zu. „Schluss, lässt du wohl den Vogel los! Schäm dich! Hör sofort damit auf! „ So schrien die Engelchen die vollkommen verdutze Katze an. Eigentlich hätte sie ihren Fang gern mit den kleinen leuchten Wesen geteilt, aber so …  Nein, dieses Getöse ging ihr zu weit. Sie ließ den eh uninteressant gewordenen, weil nicht mehr flatternden Vogel aus dem Maul fallen und schlenderte in die nächste Scheune: Mäuse waren da doch viel verlockender; die konnte sie einfach noch eine Weile herum werfen! Ihr Jagdinstinkt war ungebrochen.

Währenddessen versuchten die Engelchen den kleinen Vogel ins Leben zurückzuholen: Peule legte ihn vorsichtig in ein Blätterbett, Odo suchte nach Larven und Körnern, denn er war überzeugt, dass Essen den Überlebenswillen wachruft. Doch Lisa und Dina schoben alle beiseite, besahen sich den zerzausten Kerl und streichelten ihn: „Gebt ihm etwas Ruhe! Er hatte genug Aufregung!“

„Wird er sterben?“, ängstlich schaute Jona die beiden an. Lisa nahm ihn behutsam unter ihre Flügel und sofort umgab Jona eine angenehme Wärme und eine Art von grenzenlosem Vertrauen: „Ja, ich denke, er ist schon mehr im jenseitigen Leben als in dem diesseitigen.“ Mit einem leichten Lächeln schaute Lisa in die Runde ihrer Freunde und streichelte dann den kleinen Vogel weiter. „Weshalb kennst du dich mit dem jenseitigen Leben aus?“ Dina war sehr überrascht. Die kleinen Engelchen hatte eine Menge zu lernen, in der Schule und auch von ihren Familien, doch dabei ging es immer um die Welt, das Leben der Menschen und Tiere, die Gewohnheiten der Pflanzen, die Aufgabe von Engeln und ihre Rolle im Universum; noch nie ging es um das Thema Sterben.

Lisa nickte, so als hätte sie gerade einen Dialog mit sich selbst geführt und sich für eine erklärende Antwort entschieden: „Ihr wisst doch alle, dass mein Vater ein Schutzengel ist.“ Alle Engelchen setzten sich nun in einem Kreis um den bewegungslosen Vogel und lauschten gespannt Lisa. „Das sind doch viele Engel aus unserem Dorf“, warf Alex verwundert ein. „Aber keiner hat je darüber gesprochen, was mit der Seele geschieht, wenn der Körper um sie herum nicht mehr lebt.“ Die Engelchen nickten, als wollten sie sagen, wenn darüber nicht gesprochen wird, dann weiß auch keiner etwas  und in Folge dessen gibt es da auch nichts mehr.

Na ja, da machen es sich die kleinen leuchtenden Wesen aber doch etwas zu einfach. Oder, was meint ihr?

Lisa setzte sich aufrecht hin um ihren Worten Wichtigkeit zu geben, aber auch um sich selbst Mut zu machen: „Im Sterben erkennt jedes Lebewesen sofort und ohne fremde Hilfe: Jetzt beginnt etwas neues! Das vergangene Leben wird verstanden, ein jeder kann frei entscheiden was gut gewesen ist und was hätte besser sein können.“ Dina strich ihren dichten Lockenschopf aus dem Gesicht, straffte ihre Flügel und holte tief Luft: „Glaubst du wirklich, die Lebewesen denken in diesem Moment nicht nur an ihre Angst? Ihre Angst vor dem Nichts?“ „Jetzt lond ’se doch erschd mol ausschwätze!“ s’Spätzle winkte in Richtung Dina ab und wandt sich mit weit geöffneten Augen wieder Lisa zu: „Dess ischd doch älläs spannend!“

Lisa lächelte wieder: „Dein Schutzengel ist bei dir. Und mein Vater erzählt immer wieder, da sind nur gute Gefühle. So gut, wie wir sie nur selten auf Erden haben: Vertrauen, Vergebung, Loslassen, Mut, Dankbarkeit. Aber das allergrößte Gefühl muss dann die Liebe sein.“ „Das hört sich wunderschön an.“ Flips war ganz ergriffen. Er nahm den kleinen sterbenden Vogel und legte ihn vorsichtig auf das Kleid zwischen seinen Beinen. „Sieht der Vogel deshalb so aus, als ob er nur schlafen würde?“ „Ja natürlich, vielleicht steht seine Seele jetzt schon in dem alles überstrahlenden Licht und er spürt wie leicht er ist obwohl sich das gesamte Universum in ihm befindet.“ Lisa freute sich, als sie sah, dass ihre Freunde keine Zweifel an ihren Darstellungen hatten. Sie alle wussten, ein Schutzengel, der seine Aufgabe ernst nahm, begleitete die Seele durch alle Stationen dieses und des jenseitigen Lebens.

Der kleine Vogel hatte seine Flügel ausgebreitet und seinen Kopf in Flips Hände fallenlassen. Alle sahen die Tränen in Flips Augen leuchten, doch glücklich murmelte er: „Ich kann es genau sehen, seine Seele leuchtet, es geht ihm gut!“

Namensliste

Alex                  ältester Engel

Aeo                   Notenwart

Phillip/Flips        kleinster

Peule                 vorsichtigster

Odo                  knubbeligster

Lisa                  liebt die Ruhe

Dina                 neugierigste

Primo               vermeidlich schlauester

Jona                 etwas unnachgiebig

Hedi                 immer weniger unzuverlässig

s‘ Spätzle           ist neu im Dorf

Lehrerin

Großer, alter Engel

Kleiner goldener Ball

Eine Menge an Dorfkatzen

1 thought on “Meine Geschichten”

  1. Deutschlands wertvollster Rohstoff ist nachwachsend: es sind die jungen Leute.
    Jürgen Rüttgers (*1951), CDU-Politiker

    Hallo Lucia, ich halte deine Arbeit für sehr wertvoll und zukunftsweisend!!

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